Wedel – und auf in die Ostsee

Auf den Tag genau vor zwei Wochen haben wir Hamburg erreicht und damit wieder den Fuß in unser neues altes Leben gesetzt. „Und wie geht es Euch, schon angekommen?“, werden wir immer wieder von den viele lieben Freunden in der Heimat gefragt. Die Tage sind ereignisreich, arbeitsreich und lang. Am Montag nach dem Ankunftswochenende, die Kinder haben längst die ANNE mit ihren Freunden zum Spielen verlassen, überführen wir sie gleich morgens um 7:00 Uhr mit dem ablaufenden Wasser in den Wedeler Yachthafen. Binnen zweieinhalb Stunden räumen wir das ganze Schiff und damit unseren Hausrat des vergangenen Jahres leer. Sage und schreibe fast 7cm liegt die ANNE nun höher im Wasser und ziert einen kleine Algenstrich über dem Wasserpass. Der gefühlt 10m lange Sprinter von Sixt ist schnell organisiert und nimmt den Hausrat locker in nur einer Ebene gefüllt auf. Mit 50kn durch den Elbtunnel, Geschwindigkeitsrausch pur ;-).

Alles normal, back to Business? Scheinbar ja, wir schuften ‚like Hell‘ und funktionieren wie Maschinen. Unsere Reise verläuft wie ein großes Projekt mit uns als Projektleitern und Schaffende in einem. Doch irgendwas ist anders. Schon bei der Fahrt mit den Hamburger Öffis fällt auf, die Luft ist stickig oder fehlt nicht sogar ganz die Luft zum Atmen? Kein genussvolles Einatmen der klaren salzigen Seeluft, kein Geruch von Land und Meer in unseren Nasen. Stattdessen bestimmt die Zeit das Leben und gibt einen nicht hörbaren wohl aber deutlich spürbaren Takt vor. Die Schritte der Umhereilenden sind schnell und hektisch, Multitasking ist allgegenwärtig. Telefonieren, Zeitung lesen und Autofahren in einem ist keine Kunst nur eine Frage des Trainings. Auch
wir lassen uns von diesem emsigen Treiben anstecken. Noch vor ein paar Wochen war es uns egal, welcher Wochentag gerade war. Doch jetzt beginnt der kleine Zeitmann im Ohr dem Projektleiter zu flüstern: „Wann kommt der nächste Bus, wie lange dauert die Fahrt bis zum Yachthafen, schaffen wir das Beladen noch vor 16:00 Uhr und wie voll wird der Elbtunnnel sein?“

Neben den unglaublichen Eindrücken die wir die letzten Monate sammeln durften, ist der größte Luxus den wir uns gönnten mit ziemlicher Sicherheit die unbegrenzte Zeit die wir genießen durften. Zeit zum Frühstücken, Zeit zum Baden, Zeit für Schule, Zeit für Freunde, Zeit zum Schlafen, Zeit zum Lachen, Zeit zum Streiten, Zeit zum Leben.

Wir erleben den Moment und versuchen genau hinzuhören, hinzusehen. Wer tagelang nur Wasser und Himmel konsumiert, nimmt die Umwelt bewusster war. Was früher normal ja fast automatisiert ablief, wird nun hinterfragt. Radio im Auto – muss das sein oder stört es gar? Die Sinne sind geschärft und die Gedanken frisch.

Ankommen, auspacken, erzählen, lesen, schreiben. Was für ein Tempo. Steinwedel hat uns, zumindest unsere Körper, wieder. Die Kinder stürzen sich auf ihre fast vergessenen Spielsachen, wollen möglichst sofort mit allen längst vergessene Dinge spielen. Brauchen wir das alles noch oder hätten wir uns nicht besser längst davon getrennt? Von 15qm auf 150qm oder „wie schnell verwüste ich ein Haus“ heißt unser Programm der nächsten Tage. Nur gut, dass wir bereits letztes Jahr die notwendigen Renovierungsarbeiten im Haus vollzogen haben. Nur der Garten braucht wieder etwas Liebe und vielleicht auch die ein oder andere Hand am Schneidwerkzeug, aber das hat noch Zeit.

Es geht uns gut, keine Frage. Wollen wir dennoch zurück? Ja, unbedingt, aber noch nicht jetzt. Die Kinder genießen jeden Tag und das ist schön zu sehen. Auch wir erfreuen uns an unserem Heim und den Menschen um ums herum und sind gespannt was das Leben für uns noch so an Spannendem bereit hält.

10:10 Uhr: Seit vier Stunden sind wir unterwegs und haben schon in den Nord-Ostsee-Kanal bei Brunsbüttel problemlos eingeschleust. 22 Monate liegt unsere erste NOK-Schleusung zurück, seinerzeit hätten wir fast die ANNE versenkt. Während des Anlegens im Schleusenraum hatten wir den Achterfestmacher unklar und haben in Konsequenz bei achterlichem frischen Wind eine 1A Pirouette neben einem der Grossschiffe hingelegt. Glück gehabt und dabei viel gelernt, gell ;-).

Der Tag im Kanal verläuft ruhig und entspannt. 25 Grad und Sonne versüßen uns die lange Kanalfahrt unter Motor. Immer wieder überholt uns die Berufsschifffahrt. Durch die schiere Größe der Schiffe wird so viel Wasser verdrängt, dass der Kanalwasserpegel längsseits der Schiffe um 30-50cm sinkt. Für uns heißt dies, dass unsere Fahrt über Grund beim Überholen der Grossschiffe manchmal um fast einen Knoten abnimmt. Nachdem das Großschiff uns passiert hat, das Wasser wieder zurückflutet, steigt die Geschwindigkeit augenblicklich wieder an.

Die Nacht verbringen wir im Flemhuder See vor Anker. Der Flemhuder See ist eine idyllische Anliegerstelle an der Sportbooten während der Verbotszeiten im Kanal (Sonnenunter- bis Sonnenaufgang) ankern können. Eine faszinierende Natur offenbart sich wenige Meter abseits des stark befahrenen Nord-Ostsee-Kanals. Absolute Stille, seichtes Wasser und tief erfrischende Luft machen das besondere Erlebnis in der Mitte von Schleswig Holtstein perfekt.

Gegen Mittag des nächsten Tages laufen wir nach einem kurzen Bad im NOK aus, um die letzten 5sm bis zur Schleuse Kiel-Holtenau zurückzulegen. Erneut läuft das Schleusen zwischen zwei Grossschiffen problemlos ab. Unser Tagessziel wird bereits nach 10sm in Möltenort erreicht sein. Bereits am Vortag hatten wir uns mit Rainer und Corinna von der GERONIMO verabredet. Beide kennen wir nur zu gut aus dem letzten Jahr, haben tolle gemeinsame Stunden in Frankreich und Spanien zusammen erlebt. Am Abend erfahren wir im gegenseitigen Schnelldurchlauf des letzten Jahres, dass die beiden ihre GERONIMO erst vor drei Tagen von La Coruna nach Kiel gebracht haben. Die sportliche Reisezeit von knapp acht Tagen über die Biskaya und durch den Englischen Kanal ist dabei wirklich beeindruckend!

Die Nacht vor Anker in der Förde verläuft super, kein Lüftchen regt sich, nur die vereinzelten Wellen der Großschiffahrt rütteln etwas an der ANNE und ihrer tief schlafenden Crew. Der nächste Morgen könnte nicht abwechslungsreicher sein. Zuerst tiefer Regen, dann öffnet sich die Regenwand und wir verholen in die Marina Laboe. Nach zwei Nächten vor Anker ziehen wir es nun vor, den für Dienstag und Mittwoch angesagten Starkwind bis 30kn in der geschützten Marina abzuwettern. Laboe wartet mit einem reichhaltigen Regenprogramm auf. Schwimmbad, U-Boot und Besuch des Marine Ehrenmals stehen für die zwei Hafentage an.

Am Mittwoch geht es dann die letzten 30sm, wohl gegen den Wind, ostwärts nach Heiligenhafen. Hier begann unsere Runde und dort soll sie auch enden.

„Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“ Aristoteles

Man braucht gar nicht weit fahren, um schöne Sonnenaufgänge bestaunen zu können
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Glückliche Skepperina
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Die Elbe ist auch immer wieder nur schön
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Einfahrt Nord Ost See Kanal
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Flemsee Ankerplatz im NOK
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Neele macht die ANNE schick
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Torge macht die ANNE schick
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Ein Gedanke zu „Wedel – und auf in die Ostsee

  1. Hallöchen und ganz liebe Grüße von uns. Haben gerade nach tollen Tagen in Spanien – ganz gemütliche Eroberung von La Coruna bis Bayona – eine Nachtfahrt nach Porto gestartet. Will euch keinen Herzschmerz machen. Ihr hattet eine so unvergessliche Zeit. Und wieder zuhause – die Kids spiegeln die Freude. Bis bald. Heike und Herwig

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