Tag 9 – Nachtrag Sonntag

Da war ich zu schnell mit meiner gestrigen Bemerkung über den Advent, habe sie ohne Nette gemacht. Natürlich waren wir auf den ersten Advent vorbereitet, hatte er sich doch ein Jahr im Voraus angekündigt. Kurz vor der Dämmerung, inzwischen eine Stunde später als auf den Kanaren, holte Nette ein Edelsonderausstattungszubehör von ANNE hervor – eine elektrisch bedienbare Bienenwachskerze! Unglaublich, ich bin immer wieder überrascht von meiner Lieben. Schnell ein paar gemeinsame Weihnachtslieder geschmettert, und nun bin auch ich voll vom Weihnachtsfieber erfasst, freue mich schon jetzt wenn die Kinder morgen über ihre Adventskalender herfallen, wird bestimmt idyllisch und stimmungsvoll ;-). Ach ja, Fischfang gab es gestern auch noch – Golddorade, lecker! Eine etwas größere als beim letzten Mal, ca. 60cm, jedoch etwas dicker und breiter, hatte sich fest in unserem Haken verbissen.

Nachdem wir wieder unsere ermüdende „Schlepptaktik“ angewendet hatten, konnte sie Lasse ohne weitere Hilfe von mir reinholen. Die Golddorade ist vom Fleisch ähnlich dem Thunfisch, rot und grätenfrei, vom Geschmack fleischnahe, intensiv und für uns das Beste. was wir bislang auf dem Teller gesehen haben. Die zwei schönen Filetstücke, Rest vom Fisch geht immer direkt wieder über Bord, wiegen ca. 1,5kg und sind somit für zwei Malzeiten genug. Wir sind uns inzwischen alle einig, dass diese Fischgröße die richtige für uns ist, größer sollten die Fänge gar nicht sein, da wir keinen Fisch wegschmeißen wollen und nur „Funangeln“ betreiben wollen.

Kurzer Exkurs, was den Blinkereinsatz angeht: nachdem wir über die vergangen Wochen gut und gerne 100 Angelshops besucht haben und sicherlich auch annähernd so viele verschiedene Köder erworben haben, muss ich sagen, dass ich einer Aussage von Katamaran Juergen, die er in Vigo, Portugal getroffen hatte, jetzt völlig zustimme: „bist du erst mal auf dem Atlantik, dann beißen sie auf alles“. Ob Doppel- oder Einzelhaken, mit/ohne Federn oder Augen ist eher zweitrangig. Irgendwann beißen sie immer, einige sind zu groß für unser Boot andere sind perfekt und werden gelandet. Angeln ist sicherlich eine der Neuentdeckungen und Bereicherungen des Bordalltags, ob mit oder ohne Kinder!

Tag 9 Nacht zum Montag – ich will keinen Winter mehr – das ist nur der Wind der dich in den Wahnsinn treibt, dich auftreibt, wie ein Sandkorn in den Fängen der Zeit – ich will keine Winter mehr, vielleicht kommt dann kein Winter mehr – und jeder Atemzug hängt am seidenen Faden, nur solang bis wir da sind und jeder Atemzug folgt dem roten Faden – das alles hängt am seidenen Faden und wird gelenkt vom seidenen Faden — Tim Bendzko,  „Am seidenen Faden“

Zwischenzeitlich haben wir „endlich wieder“ wärmere Gefilde erreicht. Die lange Hose ist zurück verstaut, auch bei der Nachtwache reicht jetzt ein T-Shirt. Wir sind wieder mal gesegnet mit moderaten Winden, ca. 4 Beaufort von achtern, ANNE ist in ihrem besten Element und fliegt durch die Stunden des Tages und der Nacht. Bis auf einen Schiffskontakt am Vormittag, Kairos ein 109 Fuß langer Doppelmaster mit einer Takelung (eine Art Rahsegel am vorderen Mast, sonst klassisch) die ich bisher nur aus Büchern kannte, muss was Altes gewesen sein, sind wir alleine hier auf dem großen Atlantik. Immer noch unfassbar und doch so selbstverständlich cruisen wir hier seelenruhig vor uns hin. Bis auf einen Minisquall am Abend, Regenfall und plötzlicher Anstieg des Windes, war der Tag völlig gleichbleibend genial. Mit ca.

10-14kn bläst uns der Ostwind nun gen Westen, treibt uns unser Parasail.at voran, ohne dass wir auch nur einen Hauch verändern müssten. Lediglich beim Durchziehen des Squalls ist Selbststeuern angeraten. Ich bin gerade unten beim Vorbereiten des Abendessen, die schöne Golddorade war schon fast in der Pfanne, als der Wind plötzlich auf gut 20-22kn ansteigt. Unsere eh schon gute Geschwindigkeit wurde noch mal merklich angehoben, 10,5kn im Surf haben wir mehrfach gesehen, nie weniger als 8kn. Wie ein Volvo Ocean Racer, oder zumindest so das Gefühl, schießen wir durch die Regenböen und durch die langen und bis zu 3m hohen Atlantikdüngswellen hindurch. Faszinierend wie das Segel diesen unglaublichen Windbereich wegsteckt. Für alle Nichtsegler – während wir sonst bei Windzunahme recht schnell unsere Segelfläche wegnehmen, ein unangenehmes Schlagen zeigt einem schnell, dass es besser ist, die physikalischen Grenzen nicht weiter hinauszutreiben, so tritt dies mit dem Parasail nicht bzw. erst später auf. Das Segel zerrt nicht an der ANNE sondern schiebt bzw. presst sie eher durch den Ozean. Kein Schlagen von Blöcken oder metallisches Geräusch des Großbaumes, gefüllt vom Winde hängt das leichte, fallschirmartige, gelbweiße Segeltuch förmlich am Himmel und die ANNE unter ihm. Schwer zu beschreiben, wenn man es nicht selbst erlebt hat, nicht war Anika :-).

Dennoch hat uns die Rauschfahrt gezeigt, dass auch so ein tolles Segel ab einem Windbereich von 19kn und mehr, aktiv gesteuert werden muss und wir das nicht in der Nacht mit kleiner Crew sicherstellen können. Schweren Herzens wird das Parasail daher gegen 19 Uhr nach 11 Stunden nonstop sailings geborgen. In Folge geht die Geschwindigkeit um min 1-1,5kn unter, das Schaukeln nimmt zu und das Schlagen des Großsegels bzw. Genua füllt die sonst so herrliche Stille wieder mit „Störgeräuschen“. Für mich ist Segeln perfekt, wenn das Schiff vor sich dahin spurtet und außer das Wasserrauschen keine eigenen Geräusche von sich gibt. Der BB Genua Umlenkblock knarrt seit ein paar Stunden wieder, ein Geräusch, was meinen Spießerfrieden an Bord stört und dem dringend Einhalt geboten werden muss ;-)), morgen.

Zwischenzeitlich ist es 3:26, seit gut einer Stunde tippe ich auf dem Mac vor mich hin und lausche ein paar feinen Klängen aus dem Kopfhörer. Die horizontale Halbmondsichel hat sich hinter einer Wolke versteckt und die zuvor erleuchtete Nacht wieder in Schwarz verdeckt.

Jetzt klappe ich das schöne Arbeitsgerät mal zu, denn selbst der so beliebte Mac blendet einen doch sehr und versperrt den klaren Blick auf den sternenreichen Himmel. Gute Nacht an alle die lenken und gelenkt werden.

3 Gedanken zu „Tag 9 – Nachtrag Sonntag

  1. Guten Abend dem „Anne-Team“, ich bin die Mutti der „Garlix2, die jetzt mit der 2014+ kurz vor Santa Lucia sind. Sie hatten kurz Kontakt, seitdem lese ich Ihre interessanten Berichte. Ich wollte Ihnen mit Ihren drei Kindern weiterhin eine gute Tour bei bester Gesundheit wünschen. Eine tolle Leistung und eine ewige Lebenserfahrung für Ihre Kinder. Immer eine handbreit Wasser unter dem Kiel, Peter und Gisela Garlin aus Magdeburg

  2. Super Bericht – danke für diese tollen Worte – freue mich auf ein Foto von eurem Parasail. Wir geniessen hier endlich die kalte trocken Winterluft, in der ein Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt abends noch besser schmeckt, die Keksbäcker ihren Duft verstreuen und die Lichterketten in jedem Häuschen blitzen und blinken. Nur damit ihr euch noch wage erinnern könnt wie es auf unserem Kontinent aussieht.
    Beste Grüße aus der Nordheide/Hamburg
    Heike und Herwig

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