Tag 6 – Donnerstag Nachtrag – Endlich Fischfang!

Nachdem der Marlin erneut alles genommen hatte, präzise gesagt den besten Köder, den wir hatten, ein Geschenk von Franco aus Porto Santo, war die Freude über den tollen Anblick schnell gewichen. Ein teures Vergnügen, so eine Angelsaison, ist meine Überlegung, und auch Lasse hat den gleichen Gedanken. „Papa, lass und doch einen eigenen Köder bauen“, schlägt Torge vor. Gesagt getan, gehen Torge und Lasse gleich ans Werk. Von Katamaran Jürgen Maria Concordia hatten wir in Portugal gelernt, dass die großen Fische des Atlantiks nach Gran Canaria sogar auf Mülltten beißen würden.

Also machen die beiden Meisterfischer sich dran und bauen den wahrscheinlich besten Müllköder östlich der Karibik. Ein aufgeriebenes Dynema Seil (Parasail :-)) was aussieht wie Federn, ein Einweghandschuh sowie ein ausgedientes Oropax Knöllchen, was das große Auge darstellen soll. Binnen 15 min ist das Prachtexemplar fertig und wird mit einem gewissen „jetzt zeigen wir es dir aber Marlin“ Habitus an der Angel ausgebracht.

Lange passiert nichts, doch dann gegen 16 Uhr schlägt das Anglerherz höher.

„Fisch, Fisch“, schreit Neele als das übliche Ratschen der Kurbel ertönt, sobald diese ausläuft. Alle sind startklar, den großen Fang einzuholen, bis auf Lasse. Geradezu gelangweilt erscheint er nach gefühlten 5 Minuten, mit einem Gesichtausdruck der Bände spricht – „das wird ja eh wieder nichts“.

Wenn soviel Aktionismus gefragt ist, dann lassen wir es diesmal ruhiger angehen. „Wir schleppen ihn diesmal müde“, schlägt der Skipper vor, und alle stimmen zu. Es muss was anders gemacht werden, wenn diesmal der Fisch erfolgreich gelandet werden soll. So ziehen wir den zugegeben aus der Ferne klein ausschauenden Fisch einfach noch weitere 2-3 Minuten hinter uns her.

Wir haben eine satte Geschwindigkeit von knapp 8kn auf der Logge, so dass ich eh nicht so scharf drauf bin, die Badeplattform zu entern um den Fisch an Bord zu holen.

Doch das Fiech will nicht abfallen, nicht jetzt und auch nicht, als Lasse ihn behutsam einholt. Keiner rechnet damit, dass wir ihn an Bord kriegen, warum diesmal, er wird bestimmt erneut reiß aus nehmen, oder? Doch der Bursche denke überhaupt nicht dran abzuspringen. In aller Seelenruhe und mit der Coolness eines echten Roberts holt Lasse den Fisch Stück um Stück näher.

Nachdem er nun auch schon mit dem Auge auszumachen ist, wird klar, ohne mein Dazutun wird er nicht an Bord kommen. Also, den so oft geübten Ernstfall in die Praxis umsetzen. Bewaffnet linkseits mit einem Kevler- und rechts mit einem handesüblichen Gartenhandschuh sowie Alkoholspray und Messer gelingt es uns völlig überraschend die ca. 60cm große Goldmakrele an Bord zu hieven und zur Strecke zu bringen. Ich weiß, das hört sich jetzt grausam an, doch selbst der 6 jährige Torge kann daran nichts Schlimmes finden – wir haben Hunger und die Goldmakrele ist perfekt für ein leckeres Mal für uns fünf.

Wir filetieren sie von beiden Seiten, so wie wir es uns am Festland bei einer der letzten stabilen Internetverbindungen auf einem YouTube „So geht?s “ Video angeschaut haben. Perfekt, zwei schöne Filetstücke lassen sich sauber abtrennen, ohne dass störende Gräten überbleiben. Dass die Goldmakrele ein Leckerbissen ist, dass hatten wir in Porto Santo ja bereits kennengelernt als Mandy von der Froesie damals Francos Fang mit uns und Jürgen teilte. Diesmal ist niemand außer uns da, lecker.

 

So geht auch dieses Kapitel vorüber, und Lasse kann endlich wieder lachen und muss seine Angelei nun doch nicht an den Nagel hängen. Schön, diese Momente brennen sich unwiderruflich in das Gedächtnis ein, ich bin mir sicher, dass Lasse, Neele und Torge sich an diese Geschichte noch in 20 Jahren erinnern können.

 

22:30 Uhr – Auf der ANNE ist mal wieder Ruhe eingekehrt. Ich habe meine Wache heute mal etwas früher angetreten, da Nette die Grippe doch noch sehr zusetzt. Ihr geht es so wir mir gestern, obwohl man den ganzen Tag nur das Teakdeck der ANNE bewacht hat, fühlt man sich platt, als wenn 100 Marlinkämpfe hinter einem liegen. Neele und Torge liegen wieder angekettet im Cockpit, da sie sich einbilden, hier oben besser schlafen zu können. Bin gespannt wie sich das mit den bald aufkommenden Squals, heftigen kurzen Regenstürmen, die uns weiter auf dem Atlantik erwarten werden, verträgt…. .

 

Der Mond wirft erstmalig etwas mehr Licht auf den Weg vor uns. Stockdunkel sind die letzten Nächte gewesen, gerade mal so, dass man die Buglichter der ANNE erkennen kann, viel weiter reicht die Sicht nicht. Der heutige Mond bildet eine Sichel. wie ich sie noch nie gesehen habe. Während zu Hause in Steinwedel der Mond, gleich ob zu- oder abnehmend, eine vertikale Sichel bildet, so ist diese hier horizontal gelegt. D.h. der Mond bildet einen geöffnete Sichel sowie eine Schale, die mit Wasser gefüllt werden kann. Wenn auch klein, so ist der Schein des Mondes doch beträchtlich, zumindest solange ich nicht in mein Macbook schaue und davon geblendet werde ;-). Nachts zu segeln hat etwas Mystisches. Auf der einen Seite ist es das pure Gottvertrauen, dass da ja nix im Weg liegt, kein schlafender Wal (Lasse:

„Papa, was wäre wenn wir auf einen schlafenden Wal treffen würden?“, „Nix, dann werden wir sanft gebremst, entschuldigen uns und fahren weiter.“) keine Palette und schon gar kein Container. Auf der anderen Seite ist es Segeln pur. Das Wasser rauscht um das Cockpit, die Wellen heben einen mal sanft mal weniger hoch, runter und zur Seite und der Himmel ist einfach nur unbeschreiblich nah und allmächtig. Bereits von der Nordsee kannten wir das Meeresleuchten, doch hier ist es völlig anders und in Intensität nicht zu übertreffen. Wie als wenn Sterne zu Hunderten ins Wasser fallen perlt das leuchtenden Plankton am Rumpf der ANNE ab und umhüllt uns in seinem goldenen Schimmer.

 

Durch nichts zu irritieren zieht ANNE ihre Bahnen durch den Atlantik. Stück um Stück kommt sie ihrem Ziel näher.

Da wir immer sehr konservativ in die Nacht segeln, verändern wir eigentlich nie etwas an der Segelstellung. Echte Segler werden sagen, das kostet Geschwindigkeit, und Recht haben sie. Doch solange das jeweilige Gefühl sagt, wir kommen ausreichend zügig voran, ist das ausschlaggebender. Wir wollen ankommen, gerne in weniger als 20 Tagen, was unrealistisch ist, doch seit heute ist das Gefühl des Angekommenseins wieder erreicht. Die Übelheit ist gewichen und wir agieren wie selbstverständlich an Bord mit der Perspektive, dass dieser Törn noch ein paar Wochen dauern wird. Noch haben wir ausreichend Früchte, Schokolade und sonstiges, was das Leben an Bord angenehm macht, in ausreichendem Maße dabei.

Ich denke, dass wir spätestens ab Erreichen des Bergfestes sicherlich mehr auf die täglich gesegelten Meilen schauen werden als jetzt. Jürgen sprach davon, dass auf dem Atlantik ca. 2kn Strömung mit einem schwimmen, man also jeden Tag 48sm geschenkt bekomme. Wenn dem so ist, dann müssen wir uns mit unseren heutigen Etmalen um die 120sm ja gar nicht so verstecken. Schön wäre es, vor dem 14. Dezember in Martinique anzukommen, um den Offiziellen der Atlantik Odyssey noch mal die Hände schütteln zu können. Irgendwie ist es ja schon etwas Besonderes so eine Atlantik Überquerung. Es relativiert sich jedoch auch vieles, wenn man erst einmal mit Hals und Kopf in so Vorhaben drin steckt und so viele Gleichgesinnte trifft, die mit Schiffen weit unter unserem Komfort und Größe selbiges oder sogar weit mehr leisten.

Wer sich vielleicht fragt, wie wir diese Berichte von See schreiben können, für den ganz kurz eine Erklärung. Wir nutzen dazu einen PC sowie unser Satellitentelefon. Mit diesen beiden Geräten kann eine ganz schmale Datenverbindung aufgebaut werden, die groß genug ist, um ein paar Text Mails zu versenden oder eben auch Wetterdaten zu empfangen. Was zudem ganz toll klappt ist das prima Wetterroutig von Opa. Seine Tips ? z.B.fahrt weiter nach Süden – beherzigen wir und hoffen zusammen schnell auf die Passatwinde zu treffen. Für Sonntag sind erstmal hohe Wellen mit bis zu 5m Höhe angekündigt, moderater Wind, wahrscheinlich die Nachwehen des Sturmes der um die Kanaren wütete und auch hier fast 1000km entfernt noch seine Auswirkungen hat, in dem die Bewölkung ungewöhnlich dicht ist.

Lassen wir uns überraschen, weg können wir hier ja eh nicht.

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