Figueira da Foz – das haben wir uns irgendwie anders vorgestellt

Wir haben mit dem Schlimmsten gerechnet und wurden unerwartet belohnt.

Der südwestliche Wind hat sich als beständiger herausgestellt als erwartet. Vor gut vierzehn Tagen als wir in Baiona mit Jürgen dem Greifswalder Einhandsegler sprachen, waren seine damaligen Worte „für Freitag (damals in drei Tagen) sind bessere nördliche Winde angesagt, auf die warte ich noch, eine Woche länger macht jetzt auch nichts mehr aus, ich bin nicht in Eile…“. Im heutigen Newsletter, stets zutreffend, amüsant und informativ (danke Jürgen!) die Jürgen an seine ständig wachsende Leserschaft schickt , gibt er Einblicke in seine neuerliche Törnplanung. Statt wie im Plan B seinerzeit kundgetan nach einer Woche mit uns zusammen, nun direkt von Baiona nach Madeira zu segeln, war heute davon zu lesen, dass Jürgen nun Plan C (mit dem Tief zunächst westlich zu segeln und dann auf dem Rücken nach Süden Kurs Madeira zu laufen) verfolgt und erneut ab Freitag in See stehen möchte.
Auch wir denken wie viele Gleichgesinnte die sich zwischen La Coruna und Lissabon derzeit befinden, über eine Planänderung nach. Aber der Reihe nach.

Nachdem Dagmar und Jens sich derweil so heldenhaft von Porto nach Lissabon gekämpft haben, mussten wir -zugegeben nicht ganz überraschend- einsehen, dass selbiges nicht mit unser Crew und unser voll beladenen ANNE möglich ist. Dennoch Chapeau ihr zwei, 200sm gegenan, dass macht man nicht Alltage und erst recht nicht vor der Küste Portugals.
Der erste Tag nach Baiona war wie geschrieben von Respekt vor dem Atlantik geprägt. Warum Respekt wird der ein oder andere sich fragen, jetzt sind sie doch schon seit zwei Monaten unterwegs was soll da noch kommen. Nun, zum einen sind wir die letzten Monate wirklich von Gottes Hand gesegnet und die Dinge, speziell das Wetter, lief für uns. Abgesehen von ein paar Starkwind Tagen (schön wie schnell der Mensch doch das Negative verdrängt :-)- hatten wir stets achterlichen Wind und Sonne. Doch was ist hier anders? Bis auf die Richtung, die seit ein paar Tagen wirklich gehen uns spielt, verhält sich zumindest die Windstärke doch moderat mit 4 Beaufort und der Vergleich der Windvorhersage die wir täglich studieren sieht nicht wirklich anders aus, als im englischen Kanal oder in Nordspanien.

Es sind zwei Dinge: einerseits die Wellenhöhe des Atlantiks andererseits das An- und Ablegen in portugiesischen Häfen. Die reine Wellenhöhe ist etwas an das man sich gewöhnen muss und kann. Während uns die Biskaya und der englische Kanal vielleicht jeweils um 10 Grad zu jeder Seite krängen (wackeln) ließen, so haben wir hier sicherlich doppelt soviel Bewegung im Schiff. Für den nicht Segelnden Leser: Der Unterschied liegt in der fortan fehlenden freien Hand, während wir bisher rein auf unser Gleichgewicht vertrauen konnten, so muss jetzt jeder Schritt mit einem besser mit zwei Händen abgesichert werden. Kochen wird deutlich schwieriger und die Gefahr unmotiviert durch den Salon geschleudert zu werden steigt. Von der Übelkeit mal gar nicht gesprochen ;-). Das Leben ist härter und anstrengender an Bord geworden, aber auch facettenreicher: Wie nehme ich eigentlich einen Fisch in einer Achterbahn aus oder war das jetzt wirklich das Ruderblatt des ca. 100m langen Tankers, oder war da nicht gerade eine Fischerboje? In Summe einfach spannend und wir sind sicher uns daran zu gewöhnen, zumindest bei moderaten Bedingungen bei denen wir segeln gehen. Das An- und Ablegen in Portugal oder besser gesagt, das Verlassen des tiefen und sicheren Wassers und das Eintreten in die Hafen- bzw. besser vorgelagerte Flusseinfahrt (ca. 10m Wassertiefe) ist etwas, an das möchte man sich gar nicht gewöhnen. Kurzer Exkurs an Leser die vielleicht nicht die Jugend im Wasser verbracht und sich unermüdlich in Wellenberge jeglicher Couleuer geschmissen haben. Es gibt runde, spitze und brechende Wellen. Runde Wellen sind wir Fahrstuhlfahren, speziell auf dem Atlantik, meist ein tolles Gefühl. Spitze Wellen sind wie große Huckel in der Straße und können sehr unangenehm sein, trifft man meist in der Ostsee an. Brechende Wellen, sind Wellen die in sich zusammenfallen. Surfer lieben diese, zwar nicht den Teil der in sich zusammenfällt, aber der, der dahin führt. Die Bodenbeschaffenheit der Küste Portugals, binnen ein paar Kilometern steigt die Wassertiefe von 100m auf ca. 10m an und die ewig lange Strecke auf der sich die Wellen quer über den Atlantik aufbauen können, führen dazu, dass sich selbst bei 2 Windstärken eine beachtliche Welle an der Küste erheben kann. In ungünstigen Bedingungen (5 Bfd und mehr sowie westliche oder südliche Winde) kann es daher zu extremen Wellen kommen, die man besser meidet. Nicht umsonst ist die portugisiche Küste bekannt für beste Surfbedingungen (10m Wellen und mehr), nur das halt ein träges Schiff nicht so gut surft wie ein Brett.
Lange Rede kurzer Sinn: Bislang hatten wir immer Glück, vielleicht auch etwas Verstand, dass uns bislang nur moderate steile Wellen von 1,5m empfingen. Dies gepaart mit einer signifikanten Gezeitenströmung von bis zu 5kn mit oder gegen uns, reicht dies jedoch allemal für uns als Familiencrew aus. Die GarliX verglich ihr Auslaufen aus Porto mit einer Tauchfahrt. Direkt bei der Flussmündungsausfahrt wurde die X44 (schnelles schlankes sportliches seetüchtiges Schiff) komplett von einer heranrauschenden Welle geflutet. Dagmar konnte Schlimmeres verhindern, in dem sie geistesgegenwärtig das Schott reinsteckte und so die Luke dicht machte. Die Welle rauschte somit nur durchs Cockpit… . Ich will niemanden Angst machen, nicht um uns, und schon gar nicht den weiteren Freunden, die diese Strecke diesen oder nächsten Sommer noch zurücklegen werden. Seid jedoch auf der Hut und nehmt die portogiesische Küste ernst. Wellenhöhe und Wellenrichtung müssen vor An- und Abfahrt wirklich genau angesehen werden und selbst dann bleibt es meiner zugegeben kurzen Erfahrung nach, ein heißer Ritt der bei jeder An- und Ausfahrt den Adrenalinspiegel hochschnellen lässt.
Wir für unseren Teil möchten davon nicht wirklich mehr haben und überlegen mit dem Auto Lissabon zu besichtigen und bei Wetterbesserung vielleicht direkt von hier auf Madeira abzusetzen.

Doch zurück zu Figueira de Foz. Die Einfahrt verlief wider erwartend nicht so schlimm, wir haben die Einfahrt mit auflaufend Wasser gut getimed und haben einen tollen Hafen vorgefunden. Allen Unkenrufen zum Trotz, ist der Hafen günstiger (15%) als zuvor in Porto und auch noch sehr modern. Das Beste, und damit möchte ich alles vorher geschriebene relativieren, fühlen wir uns hier pudelwohl und sind froh nicht in Lissabon zu sein. Der Grund ist, dass wir endlich weitere segelnde Familien kennengelernt haben! Zwei englische Schiffe mit zwei und einmal drei Kindern an Bord liegen am selben Steg im Hafen. Nach dem Neeli und ich gestern Abend bereits kurz auf Tuchfühlung gegangen waren, ist heute der Knoten bei den Kindern geplatzt. So schön zu sehen, wie die drei mit strahlenden Augen versuchen ihr bruchstückhaftes Englisch anzubringen und ganz stolz über jeden ihrer eigenen Versuche sind. Olivia, ein Mädchen aus dem englischen Schiff (Hanse 505, jo!) welches „the Med“ als Ziel hat, nutzt die Technik und übersetzt immer wieder mittels Google Translater auf ihrem Tablet. Wir haben uns daher entschieden die Tage mit dem „schlechten Wetter“ zu nutzen und hoffen auf viele schöne gemeinsame Stunden beim Angeln, Baden oder einfach nur Kind- und oder Elternsein im Hafen.

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2 Gedanken zu „Figueira da Foz – das haben wir uns irgendwie anders vorgestellt

  1. So ganz verstehe ich die Seglersprache zwar nicht, aber es klingt windig, wellig und gefährlich. Passt auf euch auf!
    Dir, liebe Neele, herzlichen Glückwunsch zu deinem Namenstag und zugleich Tauftag vor 8 Jahren!
    Herzliche Grüße an die ganze Crew von Susi&Co aus Berchtesgaden.

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