Azoren -> Brest – Tag 2 auf See

Aktuelle Position Samstag 27.Juni, 2100 UTC: 39°14′ Nord; 023°26′ West

Letzte Etmales: 120sm Verbleibende Strecke bis nach Brest: ca. 1000sm

Seit gestern 13:00 Uhr sind wir auf unserem letzten langen Atlantikschlag unterwegs. Der Wind weht schwach um Windstärke 2-3 von achtern, und wir fliegen seit über 30h unseren Wingaker. Herrlich bei Sonnenschein und Schwachwind zwischen 6-10kn mit 5-6kn zu cruisen. Weit und breit keine Wolke am Himmel, nur unsere gelbe „Leichtwindwaffe“ mit der das Segeln so einfach und leicht ist. Fast jede Krängung wird aus dem Schiff gebügelt, sanft schwebt der Wing vor uns und nutzt jeden Windhauch aus, der sich ihm bietet.

Der Aufbruch gestaltete sich diesmal etwas schwieriger als üblich, da die unterschiedlichen Wetterdienste nicht einer Meinung waren. Wir vertrauen wie immer unseren Daten von Wetterwelt, die uns noch nie im Stich gelassen haben. Die drei Wochen, die wir auf den Azoren verbringen durften, waren geprägt von Sonne und leichtem Wind, idealem Wanderwetter oder auch Vorbereitungswetter für die nun anstehende Zeit auf See, Seele baumeln lassen und die Tage in Gemeinschaft von Gleichgesinnten genießen. Für die Kinder ist die Umstellung von Land auf See in den ersten Tagen immer wieder schwer. Es heißt erneut, Abschiednehmen von liebgewonnenen Spielkameraden/-innen, die die letzten gemeinsamen Tage so schön gemacht haben. NAMASTEE und WHITE WITCH IN BLUE heißen die Crews, mit denen die unterschiedlichen Kojen geteilt werden. Das Wetter lädt zum Baden ein, und so verbringen die Kinder die letzten gemeinsamen Stunden am Hausstrand der Marina Victoria, dem „schönsten Strand der Azoren“. Der feine dunkle Lavasand hat es in sich; gerät er in die Augen, wie bei Neele oder Woulter von der WHITE WHICH IN BLUE, so lässt er sich schwer bis gar nicht auswaschen und brennt irre. Zwei Tage rennt Neele so als „White Pirate“ mit einer Augenklappe herum. Auch Torge hat sich zusammen mit Frida von der NAMASTEE etwas einfallen lassen. Während eines Wettrennens, dessen Ausgang offen ist, verschlägt es beide zu nah an das Marina Office bzw. genauer, zu nah an eine der Scheiben des Gebäudes. Es kracht und klirrt, da ist die Scheibe in zwei. Bis auf leichte Schürfwunden bleibt nur der kurze Schock hängen. Nicht weiter schlimm. Zusammen mit den lokalen Handwerkern lerne ich die Insel kennen und besorge eine neue Scheibe für 63,70€. Richtig preiswert, wenn man dies mit maritimem Ersatzbedarf vergleicht ;-).

Zurück zum Aufbruchwetter: Das gleichnamig benannte Azorenhoch liegt seit Wochen sehr stabil über den Inseln und verdängt brav alle heranziehenden Tiefs nach Norden. Diese stabile Situation ist nun dabei, sich zu ändern. Ein Tief nach dem anderen rauscht die kommenden Tage auf die Inselgruppe im Atlantik zu und zieht im Anschluss nordöstlich Richtung England ab. Diesen Weg hatten auch wir geplant einzuschlagen. Silly Islands, Fowle oder Darthmouth müssen nun von unserem Tourplan weichen. Wir haben nicht vor, uns mit einem der schnell ziehenden Tiefs anzulegen. Daher entsteht der Plan, nicht wie klassisch vorgeschlagen wird, erst Kurs auf Nord 45° abzusetzen und dann den Englischen Kanal anzusteuern. Wir entschließen uns, die schwachen westlichen Winde auszunutzen und mit ihnen erst mal Kurs auf die spanische Nordküste abzusetzen. Falls es die Wettervorhersage in den nächsten Tagen zulässt, werden wir dann den Kurs nördlicher ändern und Brest als Ziel anlegen. Falls eines der größeren Tiefs sich jedoch weiter nach Osten in Richtung der Biskaya verirrt, so können wir immer noch in La Coruna stop machen und auf besseres Wetter warten. Die französische Küste hat uns auf dem Hinweg sehr gut gefallen, so dass diese Seite des Kanals ebenfalls sehr willkommen ist. Ferner bietet sich auf dieser Seite vielleicht die Chance, ein paar der Crews zu treffen, die sich derzeit auf dem Weg von Norden nach Süden befinden, mal abwarten.

Was ist sonst noch passiert:

– nicht viel, bis auf eine Möwe, die wir angelten und wieder freiließen

– kein Fischfang

– keine Wal- oder Delfinsichtungen

– Sichtung eines deutschen Segelschiffes (Karo As Blue) in 2sm Entfernung, welches jedoch auf unsere Funkrufe nicht reagiert

– zwei weitere Großschiffe in ca. 8sm Entfernung am AIS erkannt

– ein paar Runden Uno gespielt, Neele, Papa und Torge gewinnen jeweils

– unter Protest werden eine Vorleserunde mit Torge sowie eine Vokabellernrunde mit Lasse durchgeführt

– Kinder dürfen zwei Kinofilme an den Abenden gucken

– die Socken sind immer noch „off“

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