Abwechslung in der Nacht – Tag 12 auf See

Aktuelle Position Sonntag 31. Mai 0630 UTC: 38°38′ Nord; 036°32′ West

Letzte Etmale: 120sm Verbleibende Strecke bis zu den Azoren: ca. 380sm

Bis auf ein paar Stunden am Tage, in denen wir segeln konnten, hämmert der Diesel nun schon wieder seit Stunden. Die Rossbreiten machen ihren Namen alle Ehre, nur gut, dass wir so viel Diesel dabei haben und keine Pferde opfern müssen. Bis auf wenige Delfinsichtungen verläuft der Tag unspektakulär, „motor, eat, sleep“, bezeichnet es die VELELLA in einer der Mails, die wir uns gegenseitig zuschicken.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit nehmen wir unser Parasail weg, zu groß erscheint die Gefahr, dass wir unser liebstes Stück bei wenig Wind zerstören. Das Groß wird stattdessen aufgehisst, und erfüllt zwar auch den Zweck, dass es etwas Vortrieb liefert und den Motor unterstützt, hat aber den großen Nachteil, dass die Latten des Großsegels unentwegt hin und her schlagen. Ein Knallen, das die Nacht anhält und einem jedes Mal wieder in Mark und Beine fährt.

Gegen 3:00 Uhr (5:00 UTC) weckt mich Nette für meine Wache. Ich stelle mich auf gemütliches Lesen und Musikhören ein. „Nichts besonders, wieder kein Schiff gesehen“, gibt Nette mir noch mit, bevor sie sich müde in die Koje zu Neele legt, die dort schon tief und fest wie ein Engel schläft. Na gut, also noch schnell einen Apfel mitnehmen und hoch geht‘s zum gemütlich machen. Von wegen nix zu sehen. An Steuerbord leuchtet ein rotes Licht, auf dem AIS ist jedoch noch nichts sehen. Nachdem sich kurze Zeit später auch parallel noch ein grünes zeigt, gucke ich erneut auf den Plotter und kann nun ein Signal ohne Details, wie Schiffsname etc. sehen. Lediglich die Annäherung ist unkritisch, es soll uns in 1,5sm passieren, was zugegeben auf dem Atlantik nicht wirklich viel ist. Ich beschließe, die Sache auf sich beruhen zu lassen und mich nun meinem Buch zu widmen. Kaum habe ich es mir gemütlich gemacht, da ertönt sehr leise aus dem Lautsprecher: „Vessel ANNE, ANNE ANNE, this is Chem Helen, over!“. Meint der uns? Ich greife zum Hörer, haben wir doch die letzten Wochen durch die vielen Schiffe in der Umgebung einen Intensivkurs in „Oceancalling“ bekommen. „This is ANNE, good morning!, erwidere ich routiniert. „Go to channel 06?“, gerne auch das machen wir.

In folgenden kurzen Gespräch fragt der Wachhabende auf dem fast 600 Fuss langen Tanker, ob bei uns an Bord alles in Ordnung ist? Wenn man mit einem Berufsschiff per Funk spricht hat dies immer etwas höchst offizielles, also antworte ich umgehend mit „ja, hier ist alles in Ordnung an Bord.“ Der Wachhabende sieht auf seinem Radar eine SAR Meldung, also eine Seenotmeldung, der er nachgeht. Im Folgenden überprüfe ich unsere Einrichtungen an Bord, die einen solchen Alarm verursachen könnten, Schwimmwesten und EPIRP. Negativ, nachdem ich die Schwimmwesten auseinander geschraubt habe, bin ich mir sicher, wir sind das nicht. Der Wachhabende bittet mich, unser Radar ebenfalls einzuschalten und zu überprüfen, ob ich auch ein SAR Signal erhalte. Auch hier negativ, bis auf den Tanker und eine Wolkenfront, die sich in ca. 7sm entfernt an Backbord auftut nichts. Wir verabschieden uns: „have a good watch and back to channel 16“ und dann ist es erstmal wieder ruhig im Cockpit. Bei Schimmerlicht bastle ich die geöffneten Schwimmwesten wieder zusammen, da diese geöffnet werden mussten, um an den SAR Sender zu gelangen. Dann mache ich es mir wieder gemütlich und will nach ein paar Minuten wieder zum Buch greifen, als es erneut aus dem Sprecher ertönt: „Vessel ANNE, this is Chem Helen, over“. Der Tanker ist inzwischen gut 2sm hinter uns durchgegangen und damit eigentlich aus meiner Aufmerksamkeitszone heraus.

Was sich anschließt ist ein ca. 25 minütiges Gespräch mit dem Wachhabenden. Er selbst kommt aus Indien und führt den Tanker von Venezuela nach Island. Nachdem ihm klar ist, dass wir ein „Pleasure Vessel“ sind, steigert sich seine Neugier, und wir plaudern über die letzten 12 Monate. Auf seine vielen Fragen berichte ich, wer an Board der ANNE ist, wie unsere bisherige Route verlief, wie wir navigieren, Wachen fahren, die Kinder unterrichten etc…

Ich erfahre ebenfalls viel über das Leben auf einem Tanker und womit sich ein Wachhabender bei Nacht beschäftig. Unter anderen mit der händischen Korrektur von über 2000 Papierkarten, die er an Bord mitführt… . Ferner erklärt er mir, wie er Seemannschaft handhabt und dass er selbstverständlich uns Seglern ausweicht, sowie natürlich gewissenhaft SAR Alarmen nachgeht. Er erzählt mir, dass es in seiner Heimat undenkbar wäre, dass eine Familie ein Segelschiff besteigt und sich auf Reisen macht. Seine Fragen offenbaren, dass ihm unsere Welt bis dato völlig unbekannt war, unklar war, wie wir auf dem Ozean „überleben“. Seine Fragen sind direkt und sehr interessiert.

Bislang habe ich die dicken Pötte immer mit ganz anderen Augen betrachtet, dachte dass jeder Kapitän selbstverständlich im Detail über uns und unser Equipment Bescheid weiß, ja vielleicht sogar selbst am Wochenende ein „Pleasure Vessel“ ausfährt. Vielleicht trifft diese auf Europäische Kapitäne zu, nicht aber auf diesen Wachhabenden. Das Gespräch verläuft unglaublich sympathisch, ja fast persönlich. Ich fühle regelrecht, wie er sich in unsere kleine ANNE reinversetzt, seine Fragen zeigen echtes Interesse. Was für eine willkommene Abwechslung in der Nacht! Zum Ende des Gespräches bedanken wir uns gegenseitig für den „nice chat in the morning“ und wünschen weiterhin gute Fahrt.

4 Gedanken zu „Abwechslung in der Nacht – Tag 12 auf See

  1. Hallo und guten Morgen,
    wie klein die Welt doch ist, man kann überall Freunde finden.
    Habe gerade noch mal Wetter geschaut Wind wird kommen.
    Coro Vorhersage bis Di 6.00 UTC 3-4 bft aus 280-300 Grad.
    Welle 2 m. 14 sec aus 320 Grad. Am Montag Sonne.
    Vielleicht hilft die Info drücke die Daumen.
    Gruß Uwe

  2. Ahoi,
    Ihr macht einen gjten job. Schoen zu lezen, dass die kids nicht nur mitfahren, sondern mitmachen.
    Wir wollen im kommenden Jahr die gleiche Reise machen.
    Wir wünschen euch weiterhin gute n Wind und eine glueckliche Ankunft .
    LG Elke und Franz

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