Archiv für den Tag: 9. Juni 2017

Hilfe ich lebe auf einem Boot!

Eine Geschichte erlebt und aufgeschrieben von Neele Wendl

Hilfe ich lebe auf einem Boot!
Kennt ihr es, wenn eure Eltern eine „tolle“ Idee haben? Ja? Und ihr findet sie so naja? So fing es bei mir an. Meine Mutter las ein Buch. Ganz normal. In dem Buch ging es darum, dass eine Familie in die Karibik reiste. Nur flogen sie nicht wie ganz normale Menschen hin. Nein sie segelten mit einem Segelschifft und das auch noch hin und zurück. Aber kommen wir wieder zum Thema. Wie jede ganz normale Mutter träumte sie ein bisschen. Zeigte das Buch meinem Vater und träumte mit ihm. Irgendwann fragten sie uns. Nur wer ist „uns“, fragt ihr euch mir Sicherheit.
Das sind meine Brüder, ja ich habe 2 Brüder! Mein älterer Bruder Lasse ist neun Jahre alt und mein jüngerer Bruder Torge ist fünf Jahre alt. Und zum Schluss das Beste vom Besten, ich! Ich heiße Neele, bin sieben Jahre alt und liebe Schildkröten.

Entschuldigung ich lenke immer wieder vom Thema ab. Aber irgendwie ist das auch wichtig. Ach egal. Auf jeden fall erzählten uns Mama und Papa von ihrem Traum und fragten uns, ob wir uns vorstellen könnten, ein Jahr auf einem Segelschiff zu leben?
Die Jungs fanden das eine tolle Idee, weniger Schule mehr Abenteuer. Ich war was das angeht ziemlich perplex. Denn Mama und Papa hat gerade erst ihren Segelschein und einen Urlaub auf einem Segelschiff mit uns gemacht.
Zwar weiß ich, das Papa ein bisschen in seiner Jugend mit Wasser zu tun hatte aber mehr auch nicht. Da wären wir auch schon bei der Idee, auf die ich am Anfang hingewiesen habe. Die Naja-Idee.

Genauso fand ich die Idee. Das merkten Mama und Papa auch. „In der Karibik kannst du mit Schildkröten schwimmen“, versuchten Mama und Papa mich zu locken. Ich war schlau und antwortete: „Wasserschildkröten beißen!“
Für mich war das Thema gegessen aber nicht für meine Eltern. Ein paar Tage später sprachen sie das Thema wieder an. Das nervte. Ständig sprachen sie darüber wie toll es wäre, ein Jahr Zeit auf einem Schiff zu verbringen. Sie meinten das leider alles ernst. Es hängt alles von mir ab, meinen sie, denn sie würden mich nicht zwingen mitzukommen. Das war schon mal gut. Leider hörten sie gar nicht mehr auf zu träumen und es war ständig ein Thema. Mir wurde das alles zu viel. Ich wollte von dem Traum einfach mal nichts mehr hören und mir mal in aller Ruhe Gedanken darüber machen. Ich wollte nicht mit auf das Boot. Wieso? Wegen meinen Freundinnen und meiner Familie, wegen den Personen die mir wichtig waren. Ich wollte, dass alles so bleibt wie es war. Was würde aus Aimo, unserem Hund und aus meinen griechischen Landschildkröten, Asoka und Padme? Aber andererseits wann hatte man schon die Gelegenheit auf der halben Erdkugel mit einem Segelschiff zu segeln? Ich meinte, dass wäre jetzt schon cool. Meine Eltern hielten ihr Versprechen und während meiner Bedenkzeit wurde der Traum nicht mehr erwähnt. Endlich wurde ich ernstgenommen.

Es verging eine Woche. In der Zeit überlegte ich. Dauernd dachte ich ans Boot. Alle waren begeistert von der Idee. Alle außer mir. Manchmal war ich kurz davor zu zusagen, dass ich mitkomme, aber dann dachte ich an meine Freunde und überlegte ich es mir wieder anders. Dann nahm ich all meinen Mut zusammen und nahm Mama und Papa zur Seite: „Mama, Papa. Wegen der Reise. Wenn es Euer aller größter Traum ist“, ich machte eine Pause, „dann komme ich mit“. Mama und Papa hätten Luftsprünge machen können. Dann sagte ich noch: „Aber ich brauche etwas“. „Und was?“, fragte Mama. „Eine Erinnerung an meine Freunde“, meinte ich. „Das kriegen wir hin“, sie lächelte mich an und versank in ein tieferes Gespräch mit Papa. Gleich am nächsten Tag machten sich Mama und Papa auf die Suche nach einem Schiff. Denn natürlich passiert ohne Schiff nichts.

Also schauten wir uns ein paar Boote an. Doch es war schwer ein Schiff zu finden, das allen Anforderungen entsprach. Diese waren zum Beispiel: Einen Esstisch, den man absenken kann. Das hatte meine Mutter aus einem ihrer vielen Bücher die sie gelesen hatte. Aber auch Stauplatz war ein wichtiges Thema. So ging es eine Zeit bis wir unser Traumboot fanden. Selbst uns Kindern gefiel es, keiner hatte etwas zu meckern. Dennoch kauften wir es nicht gleich, sondern überlegten erst einmal. War es wirklich das Boot, was wir suchten? War es das Boot, wo wir ein Jahr drauf leben konnten? Doch das war ein Fehler, ein großer Fehler. Während wie wir so hin und her überlegten, warf auch ein anderer Interessent der auch auf der Suche nach einem Boot war, einen Blick auf das Schiff. Nicht so schlimm sagt ihr? Doch! Denn er konnte sich schneller entscheiden als wir und kaufte kurzerhand das Boot. Ihr hättet mal unsere Gesichter sehen müssen. Wir schauten so, als wäre sieben Tag Regenwetter angesagt. Wir konnten den Verkäufer so oft wie wir wollten anbetteln, es half nichts – wir mussten nach einem neuen Boot Ausschau halten.

Das taten wir auch bis zu jenem schicksalhaftem Tag. Da änderte sich alles. Wir gingen wie schon so oft, ein Boot besichtigen. Den Tisch konnte man versenken und Stauplatz gab es genügend. Sogar ein Hochbett gab es! Das war es. Es war DAS Boot was wir suchten. Wir überlegten nicht lange und kauften das Boot diesmal kurzerhand.
Jetzt fing es eigentlich erst richtig mit dem Planen der Reise an. Wir fuhren mehrmals nach Heiligenhafen um unser Boot zu putzen. Wir tauften das Boot auch um. Es hieß damals NOORDZEE aber der Name gefiel uns nicht, deswegen nannten wir es ANNE. Doch es gab noch viel mehr zu tun für die Reise, außer die ANNE auf Vordermann zu bringen. Zum Beispiel Schule und Leben an Bord. Ein halbes Jahr haben wir die Reise vorbereitet, um dann am 3. Juli 2014 in Hamburg loszusegeln.

Donnerstag 3.Juli 2014, Hamburg City Hafen
Aufgeregt lief ich hin und her. Heute sollte es losgehen. Die ANNE lag im Hamburger Hafen. Meine Eltern verstauten die letzten Sachen. Danach verabschiedeten wir uns. Ich nahm meine Cousine in den Arm und drückte sie. Mit schwerem Herzen sagt ich: „Ich freue mich jetzt schon darauf, wenn ihr uns besucht“.
„Ich mich auch“, waren die letzten Worte von ihr. Wir stiegen auf das Boot stürzten uns in ein fantastisches Abenteuer. Und so fuhren wir los, den Wind im Rücken und in Begleitung von befreundeten Schiffen. Es war nicht so, wie man es sich vorstellt mit einer tagelangen Fahrt und furchtbaren Stürmen. Nein, wir Kinder fuhren nur Tagestörns und schliefen nachts im Inneren der ANNE. So ging es bis zum 14.Juli weiter, bis meine Mutter mich fragte: „Möchtest du an Land oder auf dem Meer feiern?“. Anstatt gleich zu antworten, frage ich: „Wieso?“. Ach damit ihr wisst wovon meine Mutter und ich sprachen, kläre ich Euch einmal auf. Wie gesagt, es ist der 14. Juli ein Tag vor meinem Geburtstag – deswegen auch „feiern“. Endlich kam die Antwort von ihr: „Nun, wenn wir heute in einer Bucht ankern, dann würden wir morgen so gut wie den ganzen Tag auf dem Wasser sein. Oder wir die Nacht durch, damit wir dann morgens im Hafen einlaufen“. „Dann lieber durch die Nacht fahren“, entschied ich mich. „Aye, aye Kapitän!“, sagte meine Mutter zum Spaß. Am nächsten morgen liefen wir in den ersten französischen Hafen Cherbourg ein.
15.Dezember 2014, Martinique
Es ist ein halbes Jahr vergangen. Wir haben den Atlantik inzwischen in 23 Tagen überquert und sind in der Karibik angekommen. Um genau zu sein auf einer französischen Insel namens Martinique. Wir sind eine Woche später als die anderen Teilnehmer der Atlantic Odyssey Ralley auf der anderen Seite des Atlantiks angekommen. Mein Papa hatte gesehen, dass ein Sturm aufzieht, deswegen sind wir eine Woche später von den Kanarischen Inseln losgefahren. Als wir das mitbekommen haben, waren wir natürlich alle enttäuscht. Aber nicht an dem Tag an dem wir ankamen, da sah es so aus: „Mama, Papa, Land ins Sicht, da ist Martinique“, sagte ich. Ich schaute durch das Fernglas und zeigte auf den kleinen grünen Punkt am Horizont. Da fragte Torge: „Ich möchte auch einmal durch das Fernglas schauen!“. Ich nickte nur und behielt die Insel weiterhin im Auge. Da meldete sich unser Funkgerät zu Wort: „ANNE, ANNE für VIDA, bitte kommen!“. Eine kurze Pause und dann kam es schon wieder: „ANNE, ANNE für VIDA, bitte kommen!“. Jetzt nahm mein Vater das Gerät in die Hand und sprach: „Hallo VIDA, schön das Ihr noch da seid“. Angelika antwortete: „Wir sehen Euch auf dem Bildschirm. Wir sind alle an Eurem Anlegerplatz und nehmen Euch die Leinen an. Denn der Hafen ist ziemlich voll“. „Danke, wir sind in ungefähr zwei Stunden da“, erklärte mein Vater und beendete das Gespräch.
In den zwei Stunden machten wir noch Schule und räumten das Boot ein wenig auf.
Als es dann soweit war, stand jeder auf seiner Position. Papa am Steuer, Mama an einem Tau und Lasse am anderen. Torge und ich hatten beide einen Fender in der Hand. Der Anleger verlief wie immer problemlos und wir fuhren auch nach 23 Tagen ohne Hafenanleger keine Schrammen in die ANNE.

Wir genossen noch ein paar Tage zusammen mit der Gruppe bei gemeinsamen Badeausflügen und sogar einem Kindergeburtstag auf einem Boot. Doch dann machten wir uns auf unseren eigenen Weg. Opa war inzwischen zu Besuch gekommen. Gemeinsam fuhren wir zu unserem südlichsten Punkt unserer Reise, zu der Insel Grenada. Wir wachten am 24.12. alle gemeinsam auf und machten uns auf den Weg, um gemeinsam zu tauschen. Dort war ein geschütztes Gebiet indem lebten Wasserschildkröten. Das Wasser war schön klar, deshalb konnten wir auch Schildkröten sehr gut beobachten. Am Abend aßen wir Lobster zur Feier des Festes.

Während der nächsten Monate fuhren wir immer nur kurze Tagestörns von einer Insel zur nächsten. Manchmal regnete es, doch selbst dann gingen wir gerne ins Wasser, weil es uns dann besonders warm vorkam. Aber die Sonne schien doch überwiegend und es war tagsüber angenehm warm. Jeden morgen standen wir um 7:00 Uhr auf, frühstückten und machten dann Schule. Morgens war es nicht so warm, da konnte man sich besser konzentrieren und es war noch nicht so viel auf den anderen Booten los. Wenn es wärmer wurde, und wir waren noch nicht mit der Schule fertig, gönnten wir uns eine kleine Badepause. Mit Taucherflossen, Brille und Schnorchel ausgestattet vergingen die großen Pausen wie im Fluge.
So verbrachten wir die nächsten drei Monate in der Karibik, genauer gesagt den Inseln der Kleinen Antillen. Mir gefielen eigentlich alle Inseln. Am spannendsten fand ich aber die einsamen und unbewohnten Inseln. Dort haben wir Kinder dann immer schön zusammengespielt und keiner hat uns gestört. Das war dann immer ein großes Abenteuer für uns drei.

Doch wie bei jeder Reise, mussten auch wir uns irgendwann auf den Rückweg machen. Es war schon April und wir wollten ja wieder im September in unser altes Leben zurückfinden. Also hieß es auf zu den Bahamas. Auf Great Exuma bekamen wir erneut Besuch. Diesmal besuchte uns mein Onkel, meine Cousine und mein Cousin. Zusammen verbrachten wir 14 Tage auf den Bahamas und natürlich auch auf dem Schiff. Zwar war es etwas eng, aber dafür waren wir oft am Land und unternahmen viele Ausflüge. Dabei haben wir schwimmende Hausschweine, Riffhaie und Leguane gesehen. Die Zeit verging, wie auf der gesamten Reise, sehr langsam.

Doch irgendwann mussten wir wieder Abschied von einander nehmen. Für uns hieß es weitersegeln, denn für uns war es noch ein langer Rückweg bis nach Hause. Erneut einmal über den Atlantik, mit Zwischenstopps auf Bermuda und den Azoren. Der Rückweg war leider nicht so ruhig wie der Hinweg. Es war ziemlich holprig und wir hatten hohe Wellen. Man merkte auch, dass das Wetter immer kälter wurde. Morgens war es so kalt, dass wir unsere Socken und die langen Hosen herausholen mussten. Kurzum wir wollten nur noch ankommen.

Von den Azoren fuhren wir wieder nach Nordspanien in eine Stadt namens La Coruna. Nun kreuzten wir genau nach einem Jahr zum ersten mal unser Kielwasser. Das heißt wir hatten fast unsere Reise beendet und hatten den Nordatlantik einmal komplett umsegelt.

Von La Curuna aus segelten wir anschließend erneut über die Biskaya, das ist das große Meer zwischen Frankreich und Spanien und dann in den Hafen Cherbourg. Wir kamen genau am 14.Juli einen Tag vor meinem Geburtstag an. Es war der Nationalfeiertag der Franzosen und es wurde ein großes Feuerwerk geschossen. Weil es spät in der Nacht war, blieben wir noch die paar Minuten bis Mitternacht auf. Ich feierte meinen zweiten Geburtstag an Bord und packte ein Geschenk von einer Freundin aus. Am nächsten Tag feierten wir meinen Geburtstag noch ausführlicher.

Am Mittag machten wir uns dann auf den restlichen Weg bis nach Hause. Und dann kamen wir endlich am 1. August 2015 im Hamburger Hafen an. Es hatte sich nicht wirklich viel verändert – die Elbphilharmonie war noch immer nicht fertig.
Unsere Freunde empfingen uns bei sonnigem Wetter. Meine beste Freundin war auch da. Doch ich habe sie erst gar nicht erkannt, denn auch sie hatte sich verändert. Und so schlossen wir unserer Reise glücklich und erfolgreich ab.

Im nachhinein fand ich die Idee doch nicht mehr so schlimm ☺.
Ich habe viel gelernt, viel erlebt und viel gesehen!

Steinwendel Niedersachsen im Januar 2017
Copyright by Neele Wendl