Archiv für den Monat: Juli 2015

Ijmuiden Ahoi! – heißer Ritt durch die Nacht

Nachdem die ersten 70sm super laufen, wir diesmal gelernt haben und die Flut in vollen Zügen ausnutzen, schießen wir nur so dahin. 7kn ist der Schnitt über Grund mir zum frühen Abend, so dass wir uns entschließen, auch diese Nacht „durchzufliegen“. Die angesagten Winddaten stimmen mal wieder zu 100% mit der Realität überein. Anfänglich noch mit dem gesamten Groß unter flotter Fahrt wird es dann in der Nacht etwas zuviel. Der Wind geht immer wieder über die 30kn, aber wie vorhergesagt nur die Böen und stets von achtern. Wir entschließen daher gegen 01:00 Uhr, das erste Reff einzuziehen. Erstaunlich hoch haben sich die Wellen aufgeschaukelt, wahrscheinlich um es uns nachträglich zu zeigen, hatten Nette und ich uns doch bei unser gemeinsamen Nachtstunden noch über die hohen Wellen des Atlantiks unterhalten und wie klein sie doch in der Nordsee seien. Ha, ha selbst schuld.
Die Kinder haben sich längst in die Kojen verzogen. Trotz der relativ warmen Nacht hat niemand von den dreien mehr Interesse im Cockpit zu schlafen. Richtige Bootkids sind aus ihnen während der letzten Monate geworden, so als wenn wir schon ewig zusammen segelten. Neele und Torge spielen lang und kreativ zusammen in die unterschiedlichsten Kabinen gekuschelt. Lasse ist ganz vertieft beim lesen und „frisst“ ein Harry Potter Band nach dem anderen in sich rein und kommt immer wieder selbst ein wenig ungläubig über das von ihm vollbrachte: „500 Seiten habe ich heute gelesen“, oder „das Buch habe ich heute durchgelesen“ entfährt es ihm mit einem zufriedenen Grinsen.

Noch 30sm, dann haben wir Ijmuiden erreicht und mit knapp 170sm unsere persönliche Tagesbestmarke erreicht. Na denn, ANNE ahoi!

Boulogne Sur Mer – ANNE unter Beschuss

Nachdem die drei lieben französischen Zollbeamten die ANNE verlassen haben, beginnen wir fast schon mit der Anlandung in Boulogne Sur Mer. Die letzten Stunden ohne Nebel sind dann doch noch sehr angenehm, geradezu sommerlich. Bolognese, wie es die Kinder nennen, ist der einzige Hafen zwischen Cherbourg und Ostende, der uns sinnvoll für einen Stop erschien.

Nach 142sm dann der Zieleinlauf und verhaltene Begeisterung. Im Hafen nur holländische Flaggen (WHITE WITCH IN BLUE und OJALA: nichts für ungut 😉 und allesamt dicht gepackt bis unter die Decke. Wir haben Glück oder wie sich später herausstellt doch nicht und bekommen eine Box ganz für uns alleine zugewiesen. Der Rest des Hafens liegt in vierer und fünfer Päckchen (ok, übertrieben).
Wir sind müde, die Kurztrips von 100sm über Nacht schlauchen mehr als eine Woche Atlantikcruisen. Schnell zum gut sortierten Carrefour etwas zum Essen einkaufen und dann nach einem guten Steak auf Salat ab in die Koje.

Der nächste Tag begrüßt uns mit Sonnenschein und perfekten 5-6 Bfd aus Südwest, herrlich. Doch dann, noch vor dem Frühstück, beim ersten Rundgang auf der ANNE stellen wir mit bestürzen fest, dass wir in der Nacht angegriffen wurden. Völlig wehrlos muss die Crew der ANNE den feindlichen Beschuss hinnehmen, während sie in tiefen Träumen ruht. Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hat, wird der Schaden begutachtet. Mehre direkte Treffer weist das Vordeck auf. Diverse kleinere Einschläge auch auf dem Backbord- und Steuerboarddecksaufbau und auch der Mast und das Schutzcover des Großsegels sind in Mitleidenschaft gezogen worden. Alles in allem kein Totalschaden und wir haben im Gegensatz zu unserem englischen Stegnachbarn noch Glück gehabt. Seine Motoryacht sieht übel aus, das komplette Bachboardheck ist von 1A Treffern übersäht. Schlimm, das englische Eignerpaar im Ruhestand steht mit völlig unterdimensionierten Schwämmen und Lappen vor einer tagesfällenden Aufgabe. Wer macht so was und warum sind nur unsere zwei Prachtyachten betroffen? Der Gang durch den „Holländischen Hafen“ gibt Gewissheit – keines der holländischen Schiffe ist betroffen. Die Eigner sitzen alle fröhlich beim Frühstück im Cockpit und genießen die ersten Sonnenstrahlen, ja sogar frische goldbraune Croissants liegen auf den Tellern.
Wir tippen, dass die Anschläge von ferngesteuerten Hochpräzesionsmöven ausgeführt wurden, wer vermag denn sonst so zielsicher ein englisches und ein deutsches Schiff auszumachen? 😉

Mit auflaufender Flut und einem frisch gewaschenem Deck, geht es wieder auf die Rennbahn, weiter gen Norden. Moni und Opa haben sich in Amsterdam angekündigt und wir würden sie zu gern dort am Wochenende noch sehen. Die ersten Stunden laufen mit der schiebende Flut einfach nur prächtig. In Spitze schiebt uns der Strom mit 12,3kn über Grund. Rekord, wenn das so weitergeht fährt die ANNE nächstes Jahr ein paar Offshore Regatten mit ;-). Über Marine Traffic sehen wir von unterwegs, dass wir nun sogar LUBINI und AMAZONE „versägt“ haben. Beide Schiffe haben sich eine Woche vor uns von den Azoren auf den Weg gamacht. Doch keiner entkommt der ANNE Rennsemmel. ;-))) Grüßt Euch und vielleicht bis in Six Haven, Amsterdam, da werden wir einen Tankstop einlegen. ;-)))

Englischer Kanal – Nass und nebelige Nacht

Seit Stunden fahren wir im tiefsten Nebel. Linksseits von uns, dass TSS welches die Grossschifffahrt in Vorbereitung auf die Kanalenge zwischen Dover und Calais ordnet und in Spur bringt. Rechts von uns liegt das französische Festland. Wie auf einer Perlenschnur angeordnet, nutzt die Grossschifffahrt die definierten Verkehrswege effizient aus. Über die Ortungssysteme AIS und Radar sind die großen Brummer bis weit über 10sm hinaus klar erkennbar. Trotz Sichtweiten von unter 100m ist das navigieren bei dem nur leichten Wind und kaum Welle unter Maschine einfach. Der Bord PC der ebenfalls mit dem AIS verbunden ist, hilft ebenfalls deutlich die Orientierung zu behalten.
Einzig die Sportschifffahrt hält uns in Atem. An ein Schläfchen während der Wache ist nicht zu denken. Nicht weniger als drei „Beinahekollisionen“ haben wir bei Dunkelheit. Den Anfang macht ein belgischer Segelkamerad. Klar erkennbar über das AIS liegen sein und unser Schiff auf Kollisionskurs. Da die vorliegende Ausweich- bzw. Kurshaltepflicht bei Nacht schwer auszumachen ist, beschließen wir die weiteren Manöver per Funk zu klären. Fehlanzeige. Trotz mehrfacher Rufe zielt das Schiff strömungsbedingt mit bis zu 10kn auf uns ab. Nach anfänglichem kurzzeitigem aufstoppen, geben wir ein Schallsignal ab und ändern dann den Kurs um 30 Grad nach Norden ab. Das andere Segelschiff scheint uns jetzt auch bemerkt zu haben, erhöht die Fahrt und geht vor unserem Bug in weniger als 200m durch. Aufgrund des dichten Nebels bekommen wir es jedoch nicht zu Gesicht.
Ein weiterer Kollisionssportschiffer nähert sich während Nettes Wache. Auch hier stures Kurshalten. Mit einer diesmal frühzeitigen Kurskorrektur klärt Nette die Situation bestimmt. Dann gegen 5:30 Uhr bei Anbruch der Dämmerung das nächste unwillkommene Aufeinandertreffen. Das Tageslicht ist fast wieder da, doch an den Sichtverhältnissen hat sich nichts geändert. Nasskalt liegen die Nebelschwaden auf dem Wasser, Sichtweite um 100m. Am Rand des TSS laufen wir mit 5kn durchs Wasser, haben etwa einen Knoten Gegenstrom. Das AIS zeigt das nächste Schiff in etwas über 8sm Entfernung im Begrenzungsbereich des TSS an, alles entspannt, Zeit für einen Tee. Dock da schlägt plötzlich der Radarwarner an. In ca. 2sm ist ein kleines Objekt, welches im Warnsektor liegt. Auch wenn das Objekt nicht auf direktem direkten Kollisionskurs liegt, etwa 200m liegen etwa zwischen uns beiden, so versuche ich dennoch das Schiff anhand der Position an der sich das Schiff befindet, zu rufen. Wieder Fehlanzeige, keine Antwort. Basierend auf den Informationen des Radarbildes ändere ich den Kurs, so das wir uns in Sicht passieren können. Weniger als 200m geht das Objekt hinter unserem Heck durch. Ich kann es weder mit dem Auge noch mit dem AIS ausmachen.

Ich mutmaße, dass es sich um ein Sportfahrzeug handelt, welches mittels eines passiven AIS Empfängers uns frühzeitig ausfindig gemacht hat, den Kurs sauber bestückt hat und uns nur einen Schrecken einjagen wollte. Eines haben wir mit Gewissheit während der letzten Monate gelernt: Vertraue nicht auf das Mitdenken / -helfen deiner Umwelt, beobachte genau und sei immer in der Lage ohne Hilfe von Dritten zu agieren. Dies gilt in Marinas, vor Anker und ganz besonders aus See.

10 Stunden später:
Ziel in Sicht noch 3sm, 25 Grad herrlich. Eben hatten wir noch Besuch an Board von drei netten Herren vom französischen Zoll. Mit ihrem 100PS Dingi kamen sie kurz mal vom Mutterschiff vorbei. Torge meinte zum Dingi nur: „Ne, so eins will ich nicht, das hat nicht genug PS“. 😉
Interessanter Weise wusste der Zoll, dass wir von den Azoren kamen – europäische Zusammenarbeit scheint also zu funktionieren ;-))