Archiv für den Tag: 29. Juni 2015

Und wir rauschen durch die Nacht – Tag 4 auf See

Aktuelle Position Montag 29. Juni 0430 UTC: 40°26′ Nord; 019°14′ West

Letzte Etmale: 158sm Verbleibende Strecke bis bis nach La Coruna, Nord Spanien: 500sm

Wieder einmal liegen wir mit unserer Einschätzung oder besser gesagt, zeigen die Gribfiles von Wetterwelt(eine detaillierte Wetterkarte, auf der man die Entwicklung im 3-Stunden-Rhythmus darstellen kann) im Voraus ziemlich genau das, was sich 48h später in Realität verwandelt. Vor unserer Abreise wurde allseits am Steg über das Wetter und die Gribfiles diskutiert. Während WHITE WHICH IN BLUE und OJALA eine direkte Fahrt nach England planen, entschließen wir uns, nicht nach England und nicht nach Brest zu fahren, sondern direkten Kurs auf Nordspanien abzusetzen. La Coruna ist Spitze, vor gut 11 Monaten waren wir schon einmal dort und haben die guten Tapas und das beste Eis unserer Reise dort genossen.

Keine 48h später lesen wir jedoch in der Schiffkommunikation, dass OJALA bereits nach 12h Fahrt umkehrt und zurück nach Terceira fährt. Auch WWIB und NAMASTEE laufen nun vorerst direkten Kurs nach La Coruna, da sich die ankündigten Fronten einfach zu schnell entwickeln und mächtig viel Wind und Welle mitbringen. Ggf. können sie ihre Richtung nach Durchzug der Front wieder auf das ursprüngliche Ziel anpassen.

Laut des aktuellen Wetterberichtes, werden wir unsere Rauschefahrt noch bis Donnerstag/Freitag so fortsetzen können und La Coruna vor der ersten durchziehenden Front erreichen. Von Beginn des Törns an haben wir traumhafte Segelbedingungen und können dank unseres Wings, den wir auch Nachts stehen lassen, wunderbar segeln. Die Maschine wird bislang lediglich zur Stromerzeugung verwendet. Über die letzten 10h hinweg, machen wir im Schnitt mehr als 6kn, in Wellensurfs auch mal über 8kn. Der Wind hat mit 10-12kn nicht merklich zugelegt, allein unsere Kursänderung von ca. 160 Grad vor dem Wind auf 120 Grad Raumenwind, führt zu dieser Speedzunahme. Lange ist es her, dass wir das Rauschen der Bugwelle hörten. ANNE pflügt unbeirrt durch die Atlantikdünung, eine beeindruckende Geräuschkulisse tut sich auf, hält den Schlaf flach und kurz. Zu hoch ist die Anspannung und das Kopfkino stellt einen immer wieder neu auf die Probe. Hat der Wind aufgefrischt? Müssen wir den Wing wegnehmen? Was war das für ein Schlag am Rumpf? Woher kommt das neue Knarren? Die Anzahl an Eindrücken ist unbegrenzt, es hilft nur die Selbsttäuschung, das Drücken des Aus-Knopfes – alles wird gut!

Gefühlt zum ersten Mal treffen wir andere Sportschiffe, die unseren Weg kreuzen, uns also entgegen kommen. Die Azoren werden von einigen Crews Anfang des Sommers eben nicht nur vom West über den Atlantik angesteuert, sondern auch vom Festland aus. Zwei dieser Segelschiffe haben uns in den letzten 24h in weniger als 2sm Entfernung passiert. Beide waren nicht über das UKW zu erreichen, eines der Schiffe hatte nicht einmal einen AIS Sender.

Ein dummes Gefühlt, wenn da plötzlich eine Schiff unweit der eigenen Position querab erscheint. Mit der aufgehenden tiefstehenden Sonne im Rücken ist es am gestrigen Morgen auf uns zu gesegelt und war daher fast unsichtbar. Ungläubig schütteln wir innerlich immer wieder den Kopf und fragen uns, wie man auf eine Ozeanreise gehen kann, ohne einen AIS Sender an Board zu haben. Wir haben etliche Schiffe getroffen, die zwar einen AIS Empfänger mit sich führen, jedoch keinen Sender. Völlig unverständlich, da ein Sender doch so viel mehr Sicherheit für alle bringt und nur ein paar hundert Euro mehr kostet als ein einfacher Empfänger. Um weitere unbeliebte Überraschungen bestenfalls zu vermeiden, fahren wir fortan in der Nacht mit Radar und aktiviertem Kollisionswarner. Das Radargerät ermöglicht einen Sektor oder Kreis ums Boot zu definieren, der dann konstant überwacht wird. Sollte das Radar einen Störimpuls in diesem Sektor erhalten, so schlägt es an, oder soll es zumindest ;-).

Meist klappt es, dass die Großschifffahrt sich durch unser AIS Signal selbständig um Kursänderung bemüht. Heute im Laufe des Tages greifen wir jedoch zur UKW Funke, als uns der Großfrachter Glovis Caraval (immerhin ca. 630 Fuß lang) mit 1sm für unseren Geschmack ein bisschen zu nahe kommt! „Glovis Caraval, can you read me?“ – „Yes, I can!“- kommt prompt die Antwort aus dem Äther, wenig später ändert der Frachter seinen Kurs um ein zwei Grad, groß genug um uns in 2sm zu passieren. Als wir querab sind meldet sich Glovis Caraval nochmal und wir halten einen kurzen Plausch. Glovis möchte seinen Windmesser kalibrieren und bittet um unsere aktuell gemessenen Winddaten. Im Gegenzug erhalten wir den aktuellen Wetterbericht. Es ist immer wieder beeindruckend, wie einfach es auf dem großen Ozean ist, mit wildfremden Menschen spontan in Kontakt zu kommen und ein paar persönliche Worte zu tauschen. Wer hingegen kennt nicht das unangenehme Gefühl, von „Fremden“ in unbekannten Großstätten einen vielsagenden Blick zu bekommen, wenn nach dem Weg oder anderen Selbstverständlichkeiten gefragt wird. Im krassen Gegensatz steht dazu die Freundlichkeit der Menschen, die wir kennenlernen dürfen. Zuletzt auf Terceira waren wir auf der Suche nach einem Schlosser, der eine gebrochene V4A Stange für uns reparieren sollte. Nach einem Tipp aus der Marina machen wir uns auf den Weg in eine Werkstatt eines lokalen Betriebes. Die Reparatur kann man nicht ausführen, fährt uns jedoch zu einer ca. 15 Minuten entfernten Werkstatt, die die Reparatur dann in weniger als einer halben Stunde für 8,53€ erledigt. Nachdem wir uns nach der Rückkehr für das Hinfahren mit einer Spritkostenzulage bedanken wollen, wird uns trotz sprachlicher Barrieren klargemacht, dass dies eine Selbstverständlichkeit sei und eine Bezahlung nicht akzeptiert würde… Wir werden uns ein wenig an diese Freundlichkeit und Offenheit Fremden gegenüber erinnern, wenn wir das nächste Mal in einer ähnlichen Situation zu Hause sind.