Archiv für den Tag: 30. Mai 2015

Natur pur – Tag 11 auf See

Aktuelle Position Samstag 30.Mai 0600 UTC: 38°35′ Nord; 039°16′ West

Letzte Etmales: 120sm Verbleibende Strecke bis zu den Azoren: ca. 500sm

Bleierne Gewissheit – Flaute. Seit 18h läuft der Motor und schiebt uns durch 1-4kn Windfelder, die fast keine Wellen aufwerfen. Die sonst so typische Oberflächenstruktur des Meeres, die jeglichen Wind anzeigt, ist manchmal vollständig verschwunden. Neben einer kleinen Grundsee, die für etwas Bewegung im Schiff sorgt, ist die Wasseroberfläche fast gänzlich eben.

Konnten wir am gestrigen Tage mit überwiegend schwachem Wind (6-9kn) noch mit durchschnittlich 5kn Speed segeln, so sind wir nun also wieder unter Motor unterwegs. Bis auf das unüberhörbare Nageln des Diesels, welches den ganzen Schiffsrumpf durchdringt und dem man sich nicht entziehen kann, ist absolute Ruhe eingekehrt. Wir sehen in 24h nur zwei Großschiffe in ca. 5sm Entfernung an uns vorbeiziehen, keine weiteren Sportschiffe wie wir. Auch auf dem UKW Äther ist es ruhig geworden. Seit zwei Tagen haben wir keinen Kontakt mehr zu der TIMEOUT oder ELLIDA 6 und auch zu keinem Schiff der ARC Europe Rally.

Aus den unterschiedlichen Emails die wir über das SAT Phone von unseren Freunden erhalten, erfahren wir, dass es überall im Umkreis von 300sm selbige Bedingungen hat. Wir schätzen uns glücklich, dass wir schon so „nah“ an den Azoren sind und rechnerisch dorthin nun fast ausschließlich unter Motor gelangen könnten.

Das seit Tagen beruhigte Wetter bringt positiv mit sich, dass die Beobachtungen von Walen und Delfinen viel einfach werden. Am gestrigen Tage gelingt es uns mit der GoPro ein paar schwimmende Delfine am Bug zu filmen, einzigartig mit welcher Anmut diese Säuger sich durchs und übers Wasser bewegen. Wir sichten jeden Tag dutzende Delfine, soviel wie wir sie nur letztes Jahr in der Biskaya zu Gesicht bekommen haben. Ein Sattsehen, Satthören ist einfach nicht möglich. Wie bei Flipper hören wir immer wieder das freundliche Gequake. Mit lauten Aufschreien werden sie immer wieder von uns begrüßt, rufen die Kinder ihren Sprüngen hinterher. Besonders die Sprünge eines etwa ein Meter langen kleinen jungen Delfin wird allerseits gefeiert. Der gestrige Freitag unter Motor tut sich als Ausnahme hervor. Wir sehen keine Delfine, dafür aber viele Wale, aber der Reihe nach.

Den Anfang macht gegen 15:00 Uhr ein Buckelwal. In Gedanken an die Erzählungen von Ingo und Antje von der AMAZONE, die auf dem Weg von den BVIs nach Bermuda eine Ruderberührung mit einem Wal hatten, stehe ich aufrecht, schaue über das Bimini und suche die Wasseroberfläche ab. Da sichte ich in etwa 100m Entfernung den so typischen Blas eines Buckelwals und gebe so gleich Ausruf „Wal auf 9 Uhr ab“. Wir können den Wal noch zwei mal sehen, zuletzt krümmt er sich, hebt seine so typische Heckflosse und gleitet in die Tiefe. Aus, das war’s? Wir hätten gerne hoch ein wenig mehr zu Gesicht bekommen, schade. Ich wende meine Augen wieder dem Heck auf 6 Uhr zu, da ertönt ein Schrei aus Nettes Mund: „WOW!“. Nicht zu fassen, ich reiße den Kopf um, und traue meinen Augen nicht. Keine 200m von uns entfernt fliegt dieser Brocken an Buckelwal durch die Luft. Vollständig samt seiner Flunke hat er sich aus dem Wasser katapultiert. Im höchsten Punkt angekommen, ändert er seine Flugrichtung und lässt sich zu einer Seite überfallen, um auf seinem Rücken mit einem großartigen Splash zu landen. Wir sind begeistert, haben wir doch in Samara, Dominikanische Republik, beim Whale Watching ebenfalls so einen Sprung gesehen, jedoch aus viel größerer Entfernung. Ferner fragen wir uns, warum er gerade jetzt gesprungen ist. In Samana erfuhren wir, dass nicht vollständig erforscht ist, warum Wale springen. Zum Beeindrucken von anderen Walen oder als Demonstration ihrer Stärke gegenüber anderen Walen oder vielleicht auch Menschen? Wir sind nicht sicher, haben lediglich etwas Fahrt aus dem Schiff genommen, jedoch den Kurs nicht geändert. Was bleibt, ist ein einmaliger Eindruck von diesem tollen Lebewesen.

Doch damit nicht genug. Eine Stunde später ertönt wieder der Ruf: „Dort Wale an Backbord“. Eine Gruppe von fünf Grindwalen sonnt sich an der Wasseroberfläche, macht wenig bis gar keine Fahrt. Grindwale sind etwa doppelt vielleicht dreimal so groß wie Delfine, so dass von ihnen keine direkte Bedrohung für uns ausgeht. Wir werden mutiger, stoppen den Motor und genießen die Grindwale für ca. 20 Minuten. Nach ein wenig Abwarten entschließen sich die Grindwale, weiter zu schwimmen, direkt auf unser Schiff zu. Etwa 100m vor der ANNE drehen sie leicht ab und wandern am Heck durch.

Wir sind begeistert, was für ein toller Tag! Die Wasseroberfläche ist so ruhig und wir bekommen die Natur so nah mit wie nie zu vor. Dutzende Portugiesische Galeeren segeln in wenigen Metern Abstand am Schiff vorbei und können so bestens studiert werden. Wir fahren weiter und lassen der Grindwal Gruppe wieder ihre Ruhe.

Der Tag verläuft abwechslungsreich weiter. Ich entscheide, dass heute der beste Moment ist, um etwas Diesel aus den Kanistern nach zu kippen. Mit einer Schüttelpumpe, einem Stück Schlauch sowie einer Messingkugel, die einen Unterdruck im Schlauch aufbaut, geht dies selbst bei den kleinen Wellen problemlos ohne einen Tropfen zu verschütten. 100l wandern binnen 45 Minuten in den Tank. Mit dem Restinhalt des Tanks und dem neu dazu gefügten sollten wir weitere zweieinhalb Tage motoren können, auch wenn wir natürlich lieber segeln. Kulinarisch kümmert sich Lasse heute um unser Wohl. Selbständig und ohne Hilfe backt er uns ein schönes Kürbiskernbrot. Zum Abendessen gibt es angebratene Tofuscheiben auf gesalzen und gepfefferten Tomaten und Gurkenscheiben, herrlich auf dem Teller arrangiert und einfach lecker. Wir beschließen, den Tag mit einem gemeinsamen Hörabend im Cockpit ausklingen zu lassen. Die Temperaturen laden wieder zum Sonnen ein, und so suchen wir „Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser“, gelesen von Christoph Waltz aus.

Schnell noch den Kurs und mögliche AIS Signale am Plotter checken, doch da ertönt ein imposanter Blas direkt hinter uns, vielleicht zwei Bootslängen achtern aus. „Wal!“, erfolgt der Aufschrei, der eigentlich überflüssig ist, denn den Ausstoß konnte man nicht überhören. Ein großer Blauwal, deutlich großer als ANNE, zeigt sich noch einmal am Heck und taucht dann für immer ab. Glück oder Pech gehabt, wie man es sieht. Ich bin froh, nicht noch näher mit diesem größten Tier der Welt zusammen gekommen zu sein. Die Kinder und Nette hätten es gerne noch mehr ausgekostet. Für mich reicht es für den Tag, er war vollkommen und wird sicherlich als einer der beeindruckendsten in unseren Köpfen hängen bleiben.

Neele beschreibt ihre Eindrücke an ihre Freundin Bente, die mit der PATCHWORK etwas 150sm hinter uns liegt den Tag folgendermaßen:

Hallo Bente,

wir haben einen Buckelwal gesehen (eigentlich Papa). Erst haben wir nur seinen Rücken gesehen und den Blas. Nach zwei Minuten ist er abgetaucht. Doch nach kurzer Zeit kam er wieder hoch und ist gesprungen, man hat ihn ganz gesehen. Das war TOLL. Leider haben wir kein Foto. Egal.

Gestern haben wir eine Gruppe Tuna gesehen. Du hast mich gefragt, wie es bei der Schule ist, oder? Bei mir läuft es gut. Als Lasse und ich Brownis backten, schrie Mama: „WALE!“. Lasse und ich sind schnell nach oben gerannt.

Die Wale waren zwar weit weg, aber Mama meinte, dass wir noch näher fahren können. Als wir nahe genug waren, sind die Wale näher an uns ran geschwommen und haben sich gesonnt. Sie waren in etwa 15 Minuten, wenn nicht sogar länger, bei uns. Am Abend kam dann noch ein Blauwal. Mama erkannte ihn sofort. Leider sahen wir ihn nur zweimal.

Bis bald Neele

PS: Ich will in die Wärme.