Archiv für den Tag: 28. Mai 2015

„Houston – we have a problem“ – Tag 9 auf See – Nachtrag

Das mit dem Wind hat sich leider auch über den Tag nicht merklich geändert.

Konstante 5-6kn wehen uns aus Nordost, also dahin wo es hingehen soll, um die Ohren. Die Hälfte des Tages motoren wir, entschließen uns, den direkten Kurs auf die Azoren anzulegen, wohlwissend, dass wir das nicht ewig durchhalten können. Rechnerisch reicht unser Sprit vielleicht bei 1400 U/min, also Schleichfahrt kurz vor dem Einschlafen, noch 160-180h, was kurz vor die Azoren reichen sollte. Nach einigen Stunden, in denen wir manchmal gegen die Atlantikströmung nur knapp 3kn machen, wird deutlich, dass das Motoren bis nach Horta ausfällt. Zu weit ist die Strecke, als dass wir uns rein unter Motor in Sicherheit wiegen können.

Doch woher kommt das plötzliche Gefasel von „Motoren“ auf der ANNE her. Nun, zum einen sagt der aktuelle Wetterbericht von heute Morgen nicht viel anderes, als dass es die nächsten Tage wenig Wind von vorne und die folgenden dann wenig Wind von hinten geben wird. Ferner lassen uns die diversen Funkgespräche, die wir am Tag hören und führen, darüber nachdenken, ob wir mit unseren Vorräten hinkommen und wann wir anfangen, diese weiter anzuzapfen. Viele der ARC Schiffe, erfahren wir über Funk von der TERA, liegen weit hinter uns ebenfalls in Flautenfeldern und können sich aufgrund ihrer Größe nicht mit mannigfaltigen Vorräten an Diesel eindecken. Die momentane Wetterlage ist von zwei starken Hochdruckgebieten geprägt, die sich in den nächsten Tagen zu einem noch größeren vereinigen. Großflächig schönes Wetter mag auf dem Festland willkommen sein, auf See jedoch spätestens nach ein paar ungeplanten Tagen unangenehm, wenn die Vorräte an Diesel, Wasser und ggf. Essen nicht ausreichend dimensioniert sind.

So reißen wir nach 10h Motoren gegen 19:00 Uhr erneut die Segel hoch, trotz wechselhafter Winde zwischen 5-7kn von vorne. Die Musik von Philip Posail schallt ruhig aus den Cockpitlautsprechern und wird nur durch die steten und sanften Töne des Wellenrauschens sowie, wer hätte es gedacht, einiger Flipperlaute, unterbrochen. An Fischfang ist nicht zu denken, stattdessen beobachten wir täglich mehrfach duzende Delfine die uns besuchen. Auch auf den 40 ARC Schiffen, scheint bis heute noch niemand einen Fisch gefangen zu haben. Erstaunlich, waren doch die Fischfänge auf der Hinfahrt bei allen so erfolgreich.

Neben dem schulischen Programm halten wir immer wieder Ausschau und entdecken am Vormittag eine freischwimmende Tonne, ähnlich einem Fender, den wir an Bord nehmen, um ihn im Hafen bei nächster Gelegenheit zu entsorgen. Stunden später erhallt erneut der Ruf, „Tonne voraus“. Zielsicher steuern wir diese an und stoppen auch passend vor ihr auf. Beim genaueren Hinsehen wird deutlich, dass dort ein längeres Netz dranhängt, so dass wir kurzerhand entscheiden, das Treibgut Treibgut sein zu lassen und die ANNE aus diesem gefährdeten Bereich zu entfernen. Leider übersieht der Ruderführer, der hier ungenannt bleiben möchte, dass die Schleppangel noch raushängt. Raushing ist die korrektere Formulierung, da die Schnur nun leblos und einige dutzend Meter kürzer aus der Angel heraus schaut. Ups, nicht optimal um es vorsichtig zu formulieren. Die nachgelagerte Untersuchung zunächst mit der GoPro, dann per Flossen und Schnorchel macht deutlich, dass sich die Angelschnur zum Teil um Ruder und Propellerwelle gewickelt hat. Da es keinen passenderen Tag als heute geben kann und wir sicherlich noch weiter Freude an unserem Motor haben wollen, heißt es die Taucherausrüstung klar machen und erneut ab in die Fluten. Nach gut 15 Minuten ist alles wieder freigeschnitten. Bis auf eine kurze ungeplante Berührung mit einer Feuerqualle verläuft der Ausflug wie geplant und wir können erfolgreich melden „Mission accomplished“!

Was ist sonst noch passiert:

– Nette hat den Kampf mit den Socken aufgegeben und schwärmt nebenan, wie warm es doch mit ihnen ist

– ich kämpfe weiter

– die Kinder rennen noch immer nur mir kurzen Schlafhosen bekleidet herum

– Lasse ist inzwischen bei Teil 3 „Der Goldene Kompass“ auf Seite 473, nach nur 3 Tagen angekommen. Er hat damit ca. 2/3 von zwei Umzugskisten gelesen.

– noch 722sm to go, letztes Etmal 100sm