Archiv für den Tag: 27. Mai 2015

Happy Birthday meine liebe Moni – Tag 8, 9 auf See

Aktuelle Position Mittwoch 27.Mai 0600 UTC: 38°09′ Nord; 045°51′ West

Letzte Etmales: 150sm, 130sm Verbleibende Strecke bis zu den Azoren: ca 800sm; Bergfest

Na also, besser hätte es für den Moment nicht laufen können. 96 schließt die Saison auf Platz 13 ab 😉 und Hamburg hat es erneut geschafft sich seine Chance auf den Klassenerhalt zu wahren. Und so wird das Publikum in Hamburg einmal wieder auf die Nagelprobe gestellt, danke Uwe für die Infos.

Der letzte Absatz des vorigen Posts war dann eher doch überflüssig. Keine 12 Stunden nachdem wir als dreier Team wieder vereint sind, nimmt der Wind merklich zu. Von zuvor nix auf 12kn, dann über die Nacht auf gute 20kn Wind. Wir sind wieder schneller unter Segeln als die TIMEOUT und die ELLIDA 6 die ihre Geschwindigkeit der TIMEOUT anpasst. Erstes Reff, dann später zur Nacht zweites im Groß, die Fock ist schon zur Hälfte eingerollt. Die lange Dünungswellen aus Südwest vom Morgen laufen nun gegen die Windwellen an, die sich über den Tag hinweg aus Ost aufgebaut haben. Unangenehme Kreuzseen schütteln uns immer heftiger durcheinander.

Wie groß kann der Kontrast nur sein: Spiegelglatte Wasseroberfläche am Morgen, Portugiesische Galeeren, die die Oberfläche zieren und nun eine aufgepeitschte See. Wir laufen hoch am Wind, 60 Grad, mehr geht nicht, und schlagen immer wieder hart in die Wellen ein. Seitliche Wellenklatscher peitschen immer wieder quer an Bordwand und ergießen sich in Schwallen über die Sprayhood, die nicht alles Salzwasser zurückhalten kann. Zwischen ihr und dem Bimini tropft es immer wieder ergiebig ins Cockpit rein. Dann ertönt ein Signal vom Plotter: „Keine Koordinaten mehr“. Auch das noch, was ist los, auch das AIS Signal ist nicht mehr da. Nun senden und empfangen also auch wir nicht mehr, nicht die optimalen Voraussetzungen in der vom Wind heulenden mondlosen schwarzen Nacht. Wir nehmen Kontakt mit einem großen Katamaran (Leopard 48) auf, der von der ARC Europe als erster nun auf uns aufgeschlossen ist. Die WIDAGO hat uns in den letzten 8 Tagen den einen Tag Vorsprung auf die ARC Europe genommen, den wir bei Abreise hatten. Wir haben uns nicht schlecht geschlagen, finden wir, lediglich ein weiteres ARC Schiff sehen wir in den folgenden 24h aufschließen. Die WIDAGO ist ebenfalls eine Familiencrew aus Florida und möchte im Europäischen Sommer die Baltic Sea erkunden. Man ist schon ganz gespannt, in diese neue Welt einzutreten, Visa etc. sind ausgestellt, ein tolles Schiff hat man eh, es kann losgehen. Die WIDAGO wird im Funkkontakt über unsere und die Situation der vor uns liegenden TIMEOUT mit ihren elektrischen Problemen informiert und gebeten uns per Radar zu beobachten. Zwischenzeitlich hat sich unser AIS wieder gemeldet und sendet immer mal wieder ein paar Positionskoordinaten an die Umwelt raus. Die Nacht verläuft weiter angespannt, der Wind nimmt nicht ab und wir schießen trotz mehrfachen Reffs teilweise mit Spitzenwerten von über 9kn durch die buckelige See. Die von Hand gesteuerte TIMEOUT kann da nicht mithalten, läuft gefühlt 10 Grad weniger Höhe und ist zudem langsamer. Wir überholen das „Schleppduo“ und setzen uns die Nacht über immer weiter ab. Am Morgen sollen es 15sm sein, die wir davon gerauscht sind.

Um 0200 Uhr schlägt dann der AIS Warner an. Nette hat die CADENCE, ein italienisches Schiff, bereits beobachtet. Sehr spät kommt es für uns in Sicht, da die Reichweite des italienischen AIS kaum weiter als 1,5sm geht. Ferner erfahren wir im folgenden Funkkontakt, dass das Backbord Licht nicht mehr so richtig will, auch das Toplicht hatte man „vorsichtshalber“ ausgemacht. Wir erkundigen uns, ob er uns sieht. Ok, wir schießen ja von achtern an ihm vorbei, was wir dann erst kapieren, sind also ausweichpflichtig, doch ein unbeleuchtetes Schiff bei Nacht muss nicht sein. „I’ll switch the top light on, as my portside light is probably too week, can you see it?“ No Captain, können wir nicht, danke dass du nun mit dem Toplicht zu sehen bist wie ein Tannenbaum im dunklen Weihnachtswohnzimmer, warum nicht gleich so. Wir wünschen weiter gute Fahrt und lauschen noch ein zwei weiteren Funksprüchen in der Nacht.

Verglichen mit unser ersten Atlantiküberquerung im November letzten Jahres geht es momentan auf dem Äther zu wie bei Radio Hamburg vor Ostern. Auf Kanal 06 werden am laufenden Band Informationen ausgetauscht. Neben ein wenig willkommenem Smalltalk vor allem jedoch Informationen, die  die jeweilige Position der Schiffe um TIMEOUT herum betrifft. John und Bill der ELLIDA 6 sind super entspannt und moderieren bei dem Sauwetter locker durch die diversen Gespräche. TIMEOUT funkt vereinbart nur alle 3h, um die Batterien zu schonen bzw. ihnen eine Chance zu geben sich zu erholen und wieder zu laden. Gemeinsam entscheiden wir, dass die ANNE es laufen lässt und sich nicht länger an das Duo klebt. Für die nächsten Tage ist Schwachwind vorhergesagt, so dass TIMEOUT und ELLIDA 6 uns unter Motor sicherlich wieder einholen werden. Wir wollen, wenn irgend möglich, so langsam ankommen.

Am Morgen ist der Wind auf ca. 12kn zurückgegangen und das Wellenbild hat sich entspannt. In den folgenden Stunden geht er weiter auf 6-9kn zurück und wir reffen wieder alles aus, um mit der Geschwindigkeit hochgehen zu können.

Bis weit in den Mittag hinein hält ein taubes Gefühl der Erschöpfung an. Die letzte Nacht hat ihre Spuren hinterlassen. Immer wiederkehrende AIS Ausfälle veranlassen uns, alle 15min einen Rundblick zu machen und nach anderen Lichtern Ausschau zu halten. Willkommen tritt nun der angekündigte Schwachwind ein, wenn auch aus Ost, später Nordost, also direkt aus der Azoren Richtung, in die wir wollen. Zudem scheint die Sonne, herrliche Sonnenstrahlen, die es uns ermöglichen, alles Klamme zu trocknen, vor allem aber auch unseren geschwächten Körpern Sonne zu spenden. Wir haben Dienstag den 27.Mai, sind 8 Tage auf See und feiern Bergfest. Nur noch 850sm liegen vor uns, angenommen wir könnten den direkten Kurs auf Horta absetzen, was jedoch seit 12h bei der aktuellen Windrichtung nicht mehr möglich ist. Egal, wir freuen uns, dass das Wellenbild sich um 180 Grad geändert hat.

Miniwellen von ca. 1m Höhe plätschern an ANNE vorbei. Wir laufen bei 6-9kn Wind mit schönem Speed von 4-6kn gegenan, haben ein wenig Schräglage, jedoch kein Schlagen, kein boxendes Gefühl mehr im Schiffsrumpf. Wir backen Kuchen und frisches Brot, verwöhnen uns mit Keksen und Cola. Die Kinder sind während der letzten anstrengenden Stunden die besten der Welt, wie eigentlich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – immer. Abgesehen von einigen Reibereien, die aufgrund der Enge eben auftreten, sind sie sehr entspannt, liegen im Schiffssalon auf dem Bett und hören ihre Hörbücher. Schulische Aktivitäten haben wir fast komplett eingestellt, sind sie doch bei dem Wellenschlag einfach nicht machbar.

Immer wieder besuchen uns Delfine und spielen minutenlang mit dem Wellenbild der ANNE, ANNE amazing, gutes Schiff! Die nächsten Tage werden schwachwindig bleiben, mit Wind bis zum Wochenende aus der falschen Richtung, aber was soll‘s, besser so als Sturm, was ja eine mögliche Alternative wäre. Trotz unserer – gefühlt ausschließlichen – Segelei haben wir seit dem Volltanken auf Bermuda den Motor 35h laufen gehabt, 5h davon zur Energiegewinnung und zwei weitere, die wir beim Tanken und am Ankerplatz verballert haben.

Dieselvorräte für weitere gute 100h haben wir an Bord, das muss reichen, auch wenn die letzten 800sm von überwiegend Schwachwind geprägt sein sollen. Wie machen das nur andere Schiffe, die weit weniger Reserven haben als wir?

Im letzten Sommer, in Spanien, haben wir eine Crew getroffen, die seinerzeit bei ihrer ersten Atlantikumrundung nur 90 l Sprit in Summe verbraucht hat. Hallo? Eine andere Welt, nicht schlechter oder besser sagen wir uns, einfach eine andere Welt. Im Gegensatz zu vergleichbaren Schiffen TIMEOUT und ELLEIDA 6 sind wir jedenfalls Sparwunder, haben gut nur die Hälfte von ihnen verbraucht.

Genießen wir einfach mal das Gefühl für den Moment. Amazing ANNE läuft bei 60 Grad am Wind 4,8kn bei 6,6kn Wind, nicht schlecht, so kann es weiter durch die Nacht gehen, weiter nach Osten, wo ein neuer guter Tag auf uns wartet.  ANNE – out!