Archiv für den Tag: 28. März 2015

Turks and Caicos – 200sm Überfahrt gen Nord West

Zehn nach fünf?? Oder erst zwanzig vor zwölf, hä was ist hier los? Ein wenig hilflos, vor allem aber noch schlaftrunkend schaue ich auf meine Armbanduhr. Hat Nette mich erst so spät oder schon so früh geweckt? Es dauert noch gefühlt eine kleine Ewigkeit bis ich es hinbekomme und das Armband der Uhr an meinem Handgelenk befestige. Ein kurzer Austausch mit Nette die schon in die Koje verschwunden ist, bringt Klarheit. Es ist fünf Uhr in der Frühe!

Seit sieben Stunden hat Nette Wache geschoben und dabei wenig zu beobachten gehabt. Fernab des Mainstreams sind nicht mehr viele Cruiser unterwegs, hauptsächlich Tanker und Frachter die Ziele in den USA anlaufen. Ich habe mich in die Koje gelegt, nachdem wir das Küstengewässer verlassen haben. Die Dom Rep liegt noch eine ganze Weile querab an Backbord neben uns, die Insel hat einfach unvorstellbare Ausmaße, zumindest wenn man mit dem Segelboot an ihr vorbeirast.
Zurück zur Wache. Wir fahren seit dem Verlassen des Hamburger Sporthafens eine flexible Wache. Das heißt, statt sich an festen Intervalle in der Nacht zu halten/klammern, machen wir es ‚frei nach Schnauze‘. Abhängig vom eigenen Wohlbefinden wird eine Wache beendet bzw. der jeweilig andere aus dem Bett geholt. Für uns passt das super. Schon auf den Atlantik haben wir das so praktiziert, mit dem Effekt, das die Überfahrt schlaftechnisch und auch sonst eine der entspannendsten war. Lediglich der Grundtakt wiederholt sich und orientiert sich am Biorhythmus des Wachgänger mit dem stärksten Rhythmus. Bei uns ist das Nette, sie mag einfach die Zeit zwischen zwei und sechs in der Nacht nicht so gerne, hat dann mir Übelkeit und Schwindel zu kämpfen. Als wir den Ärmelkanal im letzten Sommer (irgendwie lustig, haben wir nicht immer Sommer ;-)) durchquerten und aufgrund der Gezeitenströmungen häufig in der kritischen Zeit zwischen zwei und fünf Uhr morgens die Häfen verlassen mussten, lernten wir, dass Nette eine andere Lieblingszeit hat und stellten uns fortan drauf ein.

So war es also heute eine sehr erholsame Nacht für mich (Nachtrag 24h später: die lange Nacht hat sich gerächt, diesmal musste ich bereits um 00:00 wieder raus aus der Koje 🙁 ) irre nun ist es schon gleich sechs Uhr und die Sonne wird in einer halben Stunde aufgehen und unsere Nacht aufhellen. Der Mond ist fast nicht zu sehen und überlässt damit den Sternen am Firmament die Rolle des Lichtspenders. Die Überfahrt verläuft bislang sehr ideal. Mit drei bis vier Windstärken (bis 13kn) treiben uns die Trade Winds sanft von achtern an. Wir machen fünf bis sechs Knoten nur unter Genua und gleiten sanft durch das glattgebügelte Meer. So ein entspanntes Segeln hatten wir lange nicht. Wenn der Wind so bleibt, werden wir wahrscheinlich nicht mal am Tage das Groß setzen, vielleicht stattdessen mal wieder unser Lieblingssegel den Wingaker. Mal schauen, bloß nicht zu schnell werden, da wir erst übermorgen früh im Hellen ankommen wollen.

Die DomRep lassen wir mit einem lachendem und einem weinenden Auge zurück. Die Marina Puerto Bahia war ein Traum, angefangen vom Pool, über das freundliche Personal hin zum angeschlossenen 5-Sterne Hotelkomplex den wir mit nutzen konnten. Genau das richtige nach zwei Tagen Nachtfahrt, um sich zu entspannen. Auch das Wiedersehen mit der Joy of Life, nicht zu vergessen der gemeinsame Ausflug zu den Walgründen wird lange in unseren Köpfen bleiben. Für die Kinder war es gut wieder in Alia eine Spielkameradin zu haben. In den letzten Wochen ist es uns leider nicht vergönnt gewesen, andere Familien zu treffen. Aber bald steht Abhilfe an, kommen doch Herbert, Hannes und Annelie uns auf den Bahamas für ein paar Tage besuchen.

Die DomRep hat jedoch auch ein anderes Gesicht. Mit über 11 Millionen Menschen ist die Insel leider auch sehr, sehr voll. Der kurze Ausflug mit dem Taxi ins Nachbardorf zeigt uns eine andere Welt als die, die sich hinter den geschützten Mauern der Marina/Hotelanlage verbirgt. Moped- und Autolärm und Gestank sind omnipräsent. Überall ein Wuseln, welchem wir beim besten Willen nichts positives abgewinnen können. Lars erzählt, dass er auf der stundenlangen Anfahrt im unübersichtlichen Straßenverkehr eine Kollision mit einem der unzähligen Mopedfahrer hatte, weil dieser sich schlicht nicht an eine rote Ampel hielt, kein Einzelfall. Ampeln schmücken hier zwar die Straßen, doch niemand hält sich dran. Straßenschilder sucht man vergebens, stattdessen sieht man Plakate auf denen steht: „Bitte haltet bei rot an!“. 11 Millionen Einwohner sind mit ziemlicher Sicherheit mehr als die Einwohner aller karibischen Inseln zusammen die wir bisher besuchen durften. Auch ist das Temperament der spanisch geprägten Einwohner ist ein anderes, als das der Kreolen. Es gibt bestimmt schöne Ecken in der DomRep, man kann von einem Tageseindruck gewiss nicht auf die ganze Insel schließen.

Nachdem wir unsere Abfahrt in Puerto Bahia erst gegen 17 Uhr bewerkstelligt haben, stehen zwei Nächte auf der 200sm langen Überfahrt an. Am zweiten Tag gegen 7 Uhr morgens schalten wir dann den Motor zur Segelunterstützung wieder dazu. Nichts mit schönem Wingaker fliegen, der Wind schwächelt derweil um die 6kn was unsere Fahrt rein unter Segeln unnötig verlängern würde. Immer wieder rechnet das iPad die geschätzte Ankunftszeit auf 18 oder gar 24 Uhr aus…. . Die Windvorhersage war schwach, aber das wir fast eine Flaute auf dem Atlantik haben ist doch merkwürdig. Auch die Wolken sehen so gar nicht mehr wie der Passat aus. Schäfchenwolken – Fehlanzeige. Stattdessen hohe Cumulus Woken die eher nach Gewitter und Regen ausschauen. Später am Land sehen wir doch tatsächlich wie sich eine Windhose aus diesem Wolken entwickelt und runter bis ca. 200m über der Wasseroberfläche schlängelt, ungewohnt und ein wenig beängstigend. Wir hatten die letzten Monate täglich unser Wetter bekommen obwohl es wenig Abwechslung gab. In der Passatzone schwankt der Wind zwischen Ost und Nordost in der Stärke 4-6 Bfd. Jetzt haben wir uns aus diesem festen Gebilde entfernt, das Wetter wird wieder unberechenbarer.
Tagsüber nimmt der Wind wieder etwas zu, so dass wir den Motor einige Stunden ausschalten können. In Summe Motoren wir fast 20h und damit knapp die Hälfte der Strecke.
Am frühen morgen des nächsten Tages nähern wir uns unserem Ziel Grand Turk, Teil der Turks und Caicos. Das Areal der T&Cs umfasst ca. 60 nautische Quadratseemeilen und ist extrem flach. Wie ein großer Berg der zu großen Teilen unter Wasser ist, erheben sich die T&C aus über 3000m tiefen Wasser. Bis wenige hundert Meter vor den Inseln ist es immer noch 1000m tief. Am nächsten Tag machen wir uns dies zu Nutze und gleiten fast direkt vom Ankerplatz aus bis auf 32m an dieser Steilwand beim Tauchen in die Tiefe. Beeindruckend sich derartig fallen zu lassen und allein durch die abnehmende Farbintensivität ein Gefühl zu bekommen, wie tief wir tauchen. Die Turks & Caicos sind ein Wasserrevier, tauchen, schnorcheln, Kitesurfen etc.. Die US Astronauten, die 1962 beim ersten bemannten Allflug später auf den Turks landeten, sagen, dass neben der Chinesischen Mauer und der Sahara, vor allem die Turks & Caicos das beeindruckendste der Erde vom All aus sei. Bei wolkenfreiem Himmel muss das türkisfarbene Wasser, welches sich aus dem tiefen Blau des Atlantiks absetzt, einfach unbeschreiblich schön ausschauen. Schaut doch mal bei Google Earth nach, dann könnt ihr einen Einblick davon erhalten, was die Astronauten damit meinen.

Was ist sonst noch passiert: Wir haben endlich wieder reichlich Fisch gefangen, einen ca. 120cm langen Barrakuda, sowie eine 1m lange Golddorade. Zwei Golddoraden haben wir verloren, eine beim an Bord heben, eine gleich am Haken. Am morgen kurz vor der Ankunft auf Grand Turk sehen wir eine Delfinmutter mit ihrem Jungen, direkt vor dem Boot. Kurze Zeit später steigt der Blas eines Buckelwals hinter dem Boot auf. Beim Schnorcheln mit Sichtweiten um 30-40m sehen wir drei große Barrakudas unmittelbar in Bootsnähe, fantastische Unterwasserwelt.

South Caicos – glasklare Unterwasserwelt und Gläser in den Gärten
Am kommenden Tag verholen wir nach South Caicos, ca. 20sm westlich von Grand Turks. Schon bei der Annäherung erfahrenen wir was uns in den nächsten Tagen und Wochen bevorsteht. South Caicos ist wie fast alle der Inseln von Riffen umzingelte. Viele der Wasserflächen sind mit unserem Tiefgang von 2,1m schlicht nicht passierbar. Vor der Riffeinfahrt liegt eine kürzlich leck geschlagene Segelyachf bei der sogar noch die gelbe Einlarierungsflagge unter der ersten STB Saling gesetzt ist. Das soll uns bitte nicht passieren, daher haben wir auf den BVIs noch mal in zwei weitere polarisierenden Sonnenbrillen investiert, mit denen man die Riffkanten sehen kann, sofern die Sonne von hinten scheint. Ferner sind die von uns sonst so hochgelobten iPad Navionics Charts hier regelrecht nutzlos, da viel zu ungenau. Stattdessen nutzen wir auf Empfehlung eines amerikanischen Seglers den wir in Samana trafen, die „Garmin Bluewater“ App. Das Kartenmaterial ist um Welten genauer und hat uns bislang hervorragend geholfen.

Nachdem Ausklarieren am nächsten Tag, wir sind wieder vom Dreck auf den Gassen und Gärten entsetzt. So schön die maritime Welt der Turks und Caicos auch ist, so krass ist der Gegensatz an Land. Flaschen, Plastikmüll übersäht die lieblosen Gärten der Einwohner. Liegt es an der Armut der Einwohner oder ist ihr Umgang mit der Natur ein anderer? Inseln wie z.B. Dominica haben uns so gut gefallen, weil die Menschen im Einklang mit ihrer Umwelt scheinen. Überall hängen Schilder die auf die Müllbeseitigung hinweisen. Fehlanzeige hier auf den Caicos. Wir beschließen noch einen kurzen Schnorchelstop einzulegen, bevor es weitergeht. Im Hausriff das den passenden Namen ‚Admirals Aquarium“ trägt werden wir fündig. Brillantes klares Wasser mit Sichtweiten um 40m und einem Fischreichtum werden wir belohnt. Krönung ist eine große Ansammlung von Barrakudas. Keine 20m von uns entfernt schwimmen ca 15-20 Tiere, alle von einer Länge von etwa einem Meter. Die Chefs der Riffe stehen in der Strömung reglos und hegen an uns zum Glück kein Interesse. Nur gut, denn mit dem Gebiss eines Barrakudas möchten wir nicht näher Bekanntschaft schließen.

Den Abend lassen wir an einer einsamen Inseln stimmungsvoll keine 15sm entfernt ausklingen. Menschenleer aber dafür reich an Tiervölkern haben wir das Gefühl die ersten zu sein, die diese Insel je betreten haben. Neele, Lasse und Torge erkunden die Inseln, sammeln Muscheln und errichten ein Wahrzeichen am Strand, welches sicherlich noch Jahre bestand haben wird. Passend zum Astronauten Landungsplatz von 1962, schauen wir gemeinsam den Film ‚Apollo 13’auf unser 13 Zoll grossen Leinwand in der Naviecke an ;-). Die Kinder genießen das besonderen Kinoevent, denn Fersehen ist die Ausnahme in unserem Seeallaltag.

Für morgen steht die Querung der Caicosebene von Ost nach West an. Bei bis zu drei Meter flachem Wasser geht das nur bei Licht von hinten per Eyeball Navigation.

Glasklares türkises Wasser so weit das Auge reicht. Gegen 10:00 Uhr lichten wir den Anker und durchqueren unter Maschine bei fast keinem Wind die 30sm mit einer Wassertiefe von nicht 4-5m. Trotzt der vorgeschlagenen Routen wird empfohlen die Strecken nur mit Sonnenlicht im Rücken zurückzulegen. Ausgestattet mit einer polarisierenden Sonnenbrille lassen sich kleinste Unterschiede in der Farbgebung des Wassers oder des Grundes ausmachen. Die Sonne drückt, es ist heiß. Fast kein Lüftchen regt sich, völlig untypisch und seit Monaten vergessen, das es auch Tage ohne Wind gibt.
Was macht man, wenn die Fahrt sich in die Länge zieht und die Kinder nach Aktivitäten schreien? Improvisieren, neue Reize schaffen! Wir verlagern die Eyball Navigation kurzer Hand in die Mastspitze ;-). Einer nach dem andern inkl. Mama und Papa werden bei voller Marschfahrt in den Mast gezogen und genießen unbeschreibliche Aussichten. „Dort ein Barrakuda!“, ruft Nette und zeigt auf die knapp 17m unter ihr liegende Wasseroberfläche nahe des Schiffs. Jede Koralle jeder Stein kann von hier oben ausgemacht werden, unbeschreiblich durchdringend sind die Farben der See, ist der Eindruck aus dem Masttop den man in sich aufsaugt. Meilenweit bis zum Horizont nur seichtes Wasser ohne ein anderes Schiff zu sehen, einmalig.
Wieder auf dem Schiffsdeck angelangt, machen wir das Standup Paddle Board klar und bringen es achtern aus. Was folgt ist eine Wasserskisession hinter der ANNE bei der Lasse und Neele den ‚Loard of the Board‘ ausfahren. Die besseren Haltungsnoten erhält Lasse, lässig elegant gelingt es ihm das schwere Board unter sich elegant per Kantendruck von Links nach Rechts zu dirigieren, obendrein sogar noch einhändig. Neele punktet beim Gesamteindruck. Perfekt durchgestylt, offenes blondes Haar passend zum braungebrannten Körper und schicker Shorts, kämpft sie verbissen und überrascht mit einer neuen Technik. Halb kniend, halb liegend schafft sie die Richtung des Boards zu beeinflussen, kräftezehrend aber irgendwie elegant. Am Ende geht der Contest unentschieden aus und kürt zwei Sieger!

French Cut ist unser nächster Stop. Wir haben diese traumhafte Region von den Turks zu den Caicos einmal von Ost nach West gequert, um von hier aus den letzten
Schlag zu den Bahamas (Great Exuma) mit knapp 260sm zu legen.
Die Turks und Caicos bleiben uns mit ihrer intakten Natur und Unterwasserwelt in Erinnerung. Als ob es nötig wäre noch einen draufzustehen, verabschiedet uns ein Seeadler auf seine ganz persönliche Weise. Bei einem der Landausflüge konnten wir bereits den Adlerhorst samt gelegtem Ei bestaunen, doch was sich während des Frühstücks abspielt ist noch immer unbegreiflich. Während einem seiner Beutezüge landet der immerhin ca. 60cm große Vögel auf einem der Tampen die um den Bugkorb aufgeschossen. Gute 30min sitzt der Vogel erhaben als Galionsfigur auf der ANNE und beschert uns eine grandiose Verabschiedung.
Wir wären gerne länger geblieben, hätten gern mehr Zeit zum durchatmen gehabt, dock in George Town wartet ja Besuch auf uns.

Grand Turk – Dive the Wall direkt am Ankerplatz geht die Klippe tief runter einige 100m
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Wunderbare Sicht aus 17m Höhe
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Kamera Mann in ungewöhnten Höhen
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Alle wollen hoch hinaus….
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Mehr Werkzeuge braucht der richtige Fischer nicht 😉
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Wunderbarer Mahi Mai, Dolphin Fisch, Golddorade wie immer man in nennen mag
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Barrakuda verbeisst sich in unserem Haken, beängstigendes Gebiss
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ups, keine Fotomontage
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Eine Schnorchelgruppe eines Cruise Ships fällt neben uns ins Wasser…. nichts wie weg
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Dophin Fisch springt am Haken, zwei reißen sich so frei
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einer nicht … 🙂
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Hier ist das navigieren deutlich anspruchsvoller als im Rest der bisherigen Karibik
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…aber auch schöner 😉
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Kids on Exploration Tour
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Markiert wird überall, was ist dabei 😉
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Indianer mit Seeadlerfeder
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Adlerhorst mit Ei
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Torges Naturalphabet
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Glasklares Wasser und Eyeball Navigation
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Faule Bande, irgendwie müssen wir die wieder zum Arbeiten kriegen
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Sportstunde auf der ANNE
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Hier sieht man die Riffkante zwischen 5m und 50m sehr klar. Keine 200m weiter und das Wasser ist bereits mehrere Hundert Meter tief
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Faule Crew
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Ist das das ein Seeadler auf der ANNE??
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… ja, scheint so, eine Taube sieht anders aus
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