Archiv für den Monat: Januar 2015

Grenada – ANNE auf dem Rückweg mit Umwegen

4400sm ist die Entfernung per Luftlinie, zwischen Grenada und der Heimat.
Keiner der hier ist, möchte sich mit der Rückfahrt beschäftigen, nicht morgen und schon gar nicht heute. Dennoch ist das Thema der Routenplanung ein sehr wesentliches, was alle Cruiser ständig umtreibt, egal auf welchem Breiten und Längengrad sie sich gerade befinden.
Speziell hier in Grenada ist ein beliebter Knoten oder Trennungspunkt. Einige der Crews, wie auch wir, haben in Grenada ihren südlichsten Punkt (12 Grad nördlicher Breite) der Reise erreicht. Von nun an geht es wieder gen Norden bis eben zum 54 Grad nördlicher Breite. Andere Crews starten von hier zu ihrer nächsten Ozeanüberquerung, dem Pazifik, oder gar der Weltumrundung, Circumnavigation wie es im Englischen heißt. So ist es nicht verwunderlich, dass sich trotz traumhafter Strände, herrlicher Getränke und einem Leben, welches nicht süßer sein könnte, immer wieder Molltöne untermischen. Viele der geschlossenen Freundschaften werden wir so nicht fortführen können, müssen ggf. auf lange Zeit ausgesetzt bzw. per Blog, Mail etc. verschoben werden.
Nicht das ein falscher Eindruck entsteht, Trübsal oder Molltöne erklingen nur in den seltensten Augenblicken, aber sie sind da und gehören zu einer solchen Reise wie Gassigehen im Regen zu einem Hund. Sobald es vorüber ist, hat man es auch schon vergessen.

Die Momente und Tage vergehen hier sehr bewußt. Seit mehr als einer Woche haben wir es uns nun auf Grenada gut gehen lassen und die Tage langsam angehen lassen. Grenada ist subtropisch geprägt und ist von einem dichten Regenwald überzogen. Gerade jetzt in der Regenzeit regnet es sicherlich 5-10 mal am Tage, jeweils mit 5-10min von kurzer Dauer. Nach der Jahreswende haben wir uns gen Süden um das südwestlichste Cap herum auf den Weg gemacht. Im Gepäck ein neues SUP (Stand Up Paddel Board) welches fortan die bevorzugte Badeplattform der Kinder und auch des Skippers ist. Prickley Bay, Hog Island sind die Stops in wunderschönen, wenn auch nicht einsamen, Buchten. Wenn man von der teilweise beschwerlichen Anfahrt absieht, teilweise standen 30kn gegenan, so lohnt sich doch jeder Buchtenwechsel, spätestens nachdem sich der Anker sicher eingegraben hat. Immer wieder überraschend wie sich hinter einem Felsvorsprung, bzw. einem mit Wald überzogenen Cliff neue Buchten öffnen. Die Ansteuerung muss häufig mit Sorgfalt durchgeführt werden, da viele Riffe sich vor diesen Buchten befinden und das Wasser teilweise bis auf einen halben Meter Tiefe abnimmt.
Highlights der letzten Tage waren ein Nachmittags BBQ am Strand von Hog Island, Cocktailabende an Bord der ANNE, ein Wiedersehen der Spray, viele nette gemeinsame Stunden mit Lars, Jana und Alia von der Joy of Life und nicht zu vergessen unser erster richtiger Squall. Kurz vor der erneuten Ankunft in Port Louis, sehen wir von weitem, dass sich eine der bekannten Regenfronten auf uns zubewegt. Die Segel sind bereits im Reff, uns kann als Atlantiküberquerer ja wohl nichts überraschen… . Weit gefehlt, der Wind legt schlagartig von 15kn auf über 30kn zu, das ist ein Anstieg um drei Windstärken. Zugleich setzt der heftigste Regenfall ein, den wir bislang hatten. Die Sicht reicht nicht weiter als bis zur Bugspitze, und der Regen ist derart stark, dass ein gegenan gucken unmöglich ist. Trotz unser gerefften Groß- und Vorsegels läuft die ANNE aus dem Ruder und folgt den Kräften der Physik und dreht sich in den Wind, nicht weiter schlimm, hat nur sehr laut, wenn die Segel im Wind schlagen. Zehn Minuten später ist der Spuk vorbei, und wir haben wieder den schönsten Sonnenschein von der Welt.

Eine besondere Insel gebührt ein besonderer Abschluss. Nachdem wir die wunderschöne Port Louis Marina gegen 13 Uhr verlassen haben, wartete vor der Dragon Bay noch eine tolle Tauch- und Schnorchelwelt auf uns. Ein lokaler Künster hat vor Jahren Steinskulpturen von Personen in Lebensgröße auf dem 6-9m tiefen Grund versenkt. Über die Jahre ist so eine Unterwasserwelt entstanden, die beeindruckend ist. Eine artenreiche Fischwelt (Baracuda, Trompetenfische, etc.) verfeinert den Tauchplatz und die großzügig ausgelegten Moorinbojen laden zum Verweilen ein.

Für die Übernachtung haben wir und die Halifax Bay ausgesucht. Idyllisch jedoch vom Ankergrund nicht optimal ausgestattet liegen wir hier nun, hören das Meeresrauschen und verdauen die letzten Sashimi des frischen Thunfisches.
Morgen geht es nach der Schule weiter gen Norden, Carriacou, einer Nachbarinsel von Grenada. Dort werden wir eine oder zwei Nächte bleiben, um dann dort hoffentlich die Vida und / oder die Hapa na sasa anzutreffen

Grenada Neujahr – als hätten wir vier Leben, doch wir haben nur eins

„Ich müsste wirklich mal wieder an den See fahren, aber mache ich nicht,
kill die Bar hau mich raus, aber schlafen kann ich nicht.
Immer zentausend Dinge auf einmal und nichts wird fertig,
Starkstrom an und nie aus Menschenmeer und ich menschenleer.
Und ich renn, ich renn, ich renn, ich renn, ich renn,
als hätten wir vier Leben, doch wir haben nur eins.
Als könnten wir vier Leben leben, als müssten wir überall sein,
und ich renn und ich renn und ich renn, dem einen hinterher,
als hätten wir vier Leben, vier!“

Künstler: Bosse, Album Kraniche

Der gestrige Silvesterabend war einer der besseren Tage, wir haben hier auf der ANNE nur gute und bessere, dass haben wir vor Abreise so vereinbart. Zusammen mit den Crews der Joy of Life, der Meise haben wir uns zum gemeinsamen Silvesterabend verabredet. Jeder bringt etwas mit, Geschichten, Atmosphäre und natürlich Kulinarisches. Nachdem ich zusammen mit Lasse am Morgen auf dem lokalen Straßenmärkten Obst, Gemüse und in der ansässigen Fischhalle Thunfisch besorgt hatte, konnte Nette ihre ganze Sushi-Kunst zur Geltung bringen. Herrliche Sashimi, Maki und Inside-Out Rollen wurden vorbereitet. Nach einer weiteren Einkaufstour mit dem Dinghi zum ansässigen Supermarkt wurden alle notwendigen Zutaten für Rumpunsch (Zucker, Limonen, Säfte, Rum) besorgt und das traditionelle karibische Getränk „Rumpunsch“ angesetzt. Nicht kleckern sondern klotzen, also haben wir gleich zweimal 5 Liter Rumpunsch in ausgedienten Wasserkanister angesetzt ;-).

Der Abend war sehr schön. Ein Großteil der Freude an der Reise besteht in dem erfüllten „Social Life“ dem Kennenlernen unterschiedlichster Menschen. Dachten wir doch vor einem Jahr noch, dass wir „bunte Vögel“ seien, mit einer irren Idee, in die Karibik zu segeln, so haben die Erfahrung der letzten sechs Monate gezeigt, dass wir unsere Sicht stark relativieren müssen. Es ist immer noch eine unglaubliche Zeit für uns, so schön wie wir es uns erträumt haben. Doch die Einsamkeit und Einzigartigkeit ist verschwunden. Sicherlich 20% der Crews die wir antreffen sind aus unser heutigen Perspektive mutiger oder wie viele sicherlich sagen würden, verrückter. Einhandsegler, Crews mit „Minischiffchen“ die dieselbe Strecke wie wir zurücklegen. Wie komfortabel ist es da doch auf eine Partnerin bauen zu können, die ebenbürtig Wache schiebt, Unwetter abwettert, komplizierte Ansteuerungen wahrnimmt, etc..

Traum geträumt, Schiff gekauft, losgefahren. So oder ähnlich hören sich viele der Geschichten an, die wir hören bzw. die wir selbst erleben. Für Außenstehende mag so ein Vorgehen vielleicht leichtsinnig oder risikoreich erscheinen. Wie soll so was gut gehen, wie kann man nur so viel Geld in die Hand nehmen? Was wenn sich der Traum nicht realisieren lässt, werden sie bei der Rückkehr zu recht kommen? Viele Fragen auf die es rational kaum Antworten gibt. Die Menschen, Weggefährten, Freunde die wir seit unser Abfahrt getroffen haben, haben alle gemein, dass sie unglaublich mutig sind, bereit sind, neue Türen aufzustoßen, neugierig auf das, was da hinter wohl steckt, aber zu gleich auch realistisch und planend. Keiner von denen die wir getroffen haben, war nach unser Einschätzung leichtsinnig oder fahrlässig unterwegs. Die Menschen die wir treffen, sind Menschen, die sich nüchtern und mit offenen Visier dem allgemeinen „Lebensrisiko“ stellen und je nach Budget und persönlicher Präferenz jeweilige Veränderungen und Verbesserungen am Schiff vornehmen. Das Segeln ist Mittel zum Zweck in neu Kulturen und Erfahrungswelten einzutreten. Nur ganz wenige sehen im Segeln den Reiz einer derartig langen Reise, Segeln des Segelns willens. Segeln ist sicherlich eine der elegantesten Fortbewegungsmöglichkeiten, dennoch ziehen wir persönlich die individuelle Insel-/Landentdeckung dem reinen Langstreckensegeln vor.

Leon Schulz, Autor eines sehr schönen Buches (Sabbatical auf See) hat das Gefühl so feinfühlig und passend beschrieben: Wir sind dankbar für eine Zeit zu dieser Cruising Familie gehören zu dürfen. Genau das ist es. Das Privileg diese Erfahrungen machen zu dürfen, neue Freundschaften und Kulturen kennen zu lernen, ist mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. Ich bin gespannt, was unsere Kinder in ein paar Jahren über diese Zeit denken – wenn Sie dieser Aussage im Allgemeinen zustimmen, wäre ich sehr glücklich.

„Ich müsste wirklich mal wieder an den See fahren, aber mache ich nicht,
… als hätten wir vier Leben, vier!“

Besuchsbericht – Opa erneut auf der ANNE

Zwei Wochen in der Karibik, dem nasskalten norddeutschen Dezember entflohen, was für ein Traum! Auch Tage nach der Rückkehr ist die Erinnerung noch präsent: ich spüre immer noch den schwankenden Boden des Segelschiffs, wenn ich aufstehe – nicht unangenehm, aber immer wieder überraschend als Beobachtung.

Ich war in eine faszinierende Welt eingetaucht, schon als ich auf Martinique
ankam, wurde ich von einem vielstimmigen Chor seltsam lärmender Frösche empfangen. Und am nächsten Tag großes Hallo und freudiger Empfang auf der ANNE durch die versammelte Crew.
Nicht unbekannt die Erfahrung von stockendem Verkehr in der Rush Hour auf der Fernstraße nahe der Hauptstadt Fort de France bei einem Ausflug mit einem Mietwagen, hier wirkt alles sehr europäisch, wir sind ja auch ein einem französischen Übersee-Departement! Und dann sind wir plötzlich im
karibischen Regenwald, in einem wunderbaren botanischen Garten, Gardin de Balata, wo uns Kolibris mit ihren Flugvorführeungen faszinieren.

An Bord der ANNE ziehn wir weiter gen Süden, ankern in einer unbewohnten Inselwelt, den Tobago Cays, wo das Blau des Meeres mit jedem Wechsel der Blickrichtung und Wassertiefe eine ganze Farbskala durchläuft.

Wir lassen uns einen halben Tag lang mit einem Taxi durch die Insel Grenada führen. Der Fahrer erzählt uns vom Hurricane im Jahr 2004, wo mehr als 90% der Häuser zerstört wurden, und zeigt uns eine völlig andere, karibische Welt, die so ganz ursprünglich erscheint, geprägt durch die Nachfahren der afrikanischen Sklaven. Wir besichtigen eine uralte Rumbrennerei, verkosten Zuckerrohr – und natürlich Rum.

Fanzinierende 2 Wochen an Bord der ANNE, mit der vertrauten Familie, lange Sonnentage von 06:00 -18:00 Uhr mit wahninnig schnellem Wechsel von Tag und Nacht, erfrischender Kopfsprung in das angenehm warme Meer, Enkel, die begeistert vom Schnorchelausflug zu den Meeresschildkröten berichten – unvergessen. Danke Euch allen! Opa

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