Archiv für den Tag: 4. Januar 2015

Grenada Neujahr – als hätten wir vier Leben, doch wir haben nur eins

„Ich müsste wirklich mal wieder an den See fahren, aber mache ich nicht,
kill die Bar hau mich raus, aber schlafen kann ich nicht.
Immer zentausend Dinge auf einmal und nichts wird fertig,
Starkstrom an und nie aus Menschenmeer und ich menschenleer.
Und ich renn, ich renn, ich renn, ich renn, ich renn,
als hätten wir vier Leben, doch wir haben nur eins.
Als könnten wir vier Leben leben, als müssten wir überall sein,
und ich renn und ich renn und ich renn, dem einen hinterher,
als hätten wir vier Leben, vier!“

Künstler: Bosse, Album Kraniche

Der gestrige Silvesterabend war einer der besseren Tage, wir haben hier auf der ANNE nur gute und bessere, dass haben wir vor Abreise so vereinbart. Zusammen mit den Crews der Joy of Life, der Meise haben wir uns zum gemeinsamen Silvesterabend verabredet. Jeder bringt etwas mit, Geschichten, Atmosphäre und natürlich Kulinarisches. Nachdem ich zusammen mit Lasse am Morgen auf dem lokalen Straßenmärkten Obst, Gemüse und in der ansässigen Fischhalle Thunfisch besorgt hatte, konnte Nette ihre ganze Sushi-Kunst zur Geltung bringen. Herrliche Sashimi, Maki und Inside-Out Rollen wurden vorbereitet. Nach einer weiteren Einkaufstour mit dem Dinghi zum ansässigen Supermarkt wurden alle notwendigen Zutaten für Rumpunsch (Zucker, Limonen, Säfte, Rum) besorgt und das traditionelle karibische Getränk „Rumpunsch“ angesetzt. Nicht kleckern sondern klotzen, also haben wir gleich zweimal 5 Liter Rumpunsch in ausgedienten Wasserkanister angesetzt ;-).

Der Abend war sehr schön. Ein Großteil der Freude an der Reise besteht in dem erfüllten „Social Life“ dem Kennenlernen unterschiedlichster Menschen. Dachten wir doch vor einem Jahr noch, dass wir „bunte Vögel“ seien, mit einer irren Idee, in die Karibik zu segeln, so haben die Erfahrung der letzten sechs Monate gezeigt, dass wir unsere Sicht stark relativieren müssen. Es ist immer noch eine unglaubliche Zeit für uns, so schön wie wir es uns erträumt haben. Doch die Einsamkeit und Einzigartigkeit ist verschwunden. Sicherlich 20% der Crews die wir antreffen sind aus unser heutigen Perspektive mutiger oder wie viele sicherlich sagen würden, verrückter. Einhandsegler, Crews mit „Minischiffchen“ die dieselbe Strecke wie wir zurücklegen. Wie komfortabel ist es da doch auf eine Partnerin bauen zu können, die ebenbürtig Wache schiebt, Unwetter abwettert, komplizierte Ansteuerungen wahrnimmt, etc..

Traum geträumt, Schiff gekauft, losgefahren. So oder ähnlich hören sich viele der Geschichten an, die wir hören bzw. die wir selbst erleben. Für Außenstehende mag so ein Vorgehen vielleicht leichtsinnig oder risikoreich erscheinen. Wie soll so was gut gehen, wie kann man nur so viel Geld in die Hand nehmen? Was wenn sich der Traum nicht realisieren lässt, werden sie bei der Rückkehr zu recht kommen? Viele Fragen auf die es rational kaum Antworten gibt. Die Menschen, Weggefährten, Freunde die wir seit unser Abfahrt getroffen haben, haben alle gemein, dass sie unglaublich mutig sind, bereit sind, neue Türen aufzustoßen, neugierig auf das, was da hinter wohl steckt, aber zu gleich auch realistisch und planend. Keiner von denen die wir getroffen haben, war nach unser Einschätzung leichtsinnig oder fahrlässig unterwegs. Die Menschen die wir treffen, sind Menschen, die sich nüchtern und mit offenen Visier dem allgemeinen „Lebensrisiko“ stellen und je nach Budget und persönlicher Präferenz jeweilige Veränderungen und Verbesserungen am Schiff vornehmen. Das Segeln ist Mittel zum Zweck in neu Kulturen und Erfahrungswelten einzutreten. Nur ganz wenige sehen im Segeln den Reiz einer derartig langen Reise, Segeln des Segelns willens. Segeln ist sicherlich eine der elegantesten Fortbewegungsmöglichkeiten, dennoch ziehen wir persönlich die individuelle Insel-/Landentdeckung dem reinen Langstreckensegeln vor.

Leon Schulz, Autor eines sehr schönen Buches (Sabbatical auf See) hat das Gefühl so feinfühlig und passend beschrieben: Wir sind dankbar für eine Zeit zu dieser Cruising Familie gehören zu dürfen. Genau das ist es. Das Privileg diese Erfahrungen machen zu dürfen, neue Freundschaften und Kulturen kennen zu lernen, ist mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. Ich bin gespannt, was unsere Kinder in ein paar Jahren über diese Zeit denken – wenn Sie dieser Aussage im Allgemeinen zustimmen, wäre ich sehr glücklich.

„Ich müsste wirklich mal wieder an den See fahren, aber mache ich nicht,
… als hätten wir vier Leben, vier!“