Archiv für den Tag: 13. Dezember 2014

Tag 21 – TGIF – Thanks God, it’s Friday ;-)

Keine 24h sind vergangen, und das Wetter hat sich komplett geändert. Während wir gestern noch bei geruhsamen 8kn Wind vor uns hindümpelten, so hat sich seit gestern Abend 21:00 UTC der Wind wieder zu uns gesellt. Rechtzeitig, man entwickelt dafür inzwischen ein Gespür, haben wir entschieden, unseren Flügel zu bergen und die Nacht mit konventioneller Besegelung zu starten.

Am Nachmittag zuvor haben wir eine kleine Kostprobe erhalten, wie sich 112qm im Wind an der falschen Stelle anfühlen. Eine kleine Unachtsamkeit während einer der stärkeren Böen und eine achterlich einsteigende Welle nebelt uns aus. Was folgt ist eine unschöner Sonnenschuss, bei dem sich das Schiff unweigerlich in den Wind dreht und dabei mehr oder weniger ganz auf die Seite legt. Wer es schon mal erlebt hat, kann dem Spektakel vielleicht sogar etwas Positives abgewinnen – man hat die Grenzen seines Schiffes kennengelernt. Beim Sonnenschuss steht das Schiff kurfristig fast im Wind, die Segel schlagen was der Teufel hergibt, machen Lärm und brüllen – „abfallen“. Gar nicht so einfach bei 2m Welle und 23kn Wind. Mit etwas Andrenalin und Unterstützung des fluxs angeschmissenen Motors gelingt auch dies binnen Sekunden und der Spuk ist vorbei, nicht aber raus aus dem Kopf.

Keine 30min später nach dem Segelwechsel frischt der Wind konstant auf, in Spitzen bis 28kn, garniert mit vielen kleinen Squalls, die das Cockpit immer wieder von feinem oder auch dichtem Sprühregen überziehen. Ärgerlich, da wir doch das Cockpit als festen Schlafplatz für einen, manchmal bis zu vier Personen eingeplant haben. Also heißt es immer wieder, Sachen zusammenpacken und ab in die Kojen unter Deck. Die Windveränderung bringt jedoch auch Gutes mit sich, Speed! Knappe 75sm haben wir bis zum Morgen abgerissen. Seit Stunden geht es nun so weiter, der Wind bläst beständig mit 17-22kn und wir rauschen mit ANNE auf einem Kurs von gut 150 Grad zum Wind gen Westen.

Wenn es so weiter geht, dann liegt heute Nachmittag noch eine Strecke von 380sm vor uns. 380sm entspricht genau der Strecke die unsere Biskayaüberquerung von Brest nach La Coruna im Juli entsprochen hat. Eine kleine Ewigkeit liegt dieser Moment nun schon zurück, ist er dennoch so präsent als wär es erst gestern gewesen. Unbeschreiblich groß haben wir uns bei der Ankunft gefühlt, waren es unbeschreiblich schöne Momente, mit den anderen Fleetschiffen, Triton, Saphir und Geronimo das Geschaffte zu feiern. Jetzt liegt also diese Kleinigkeit von 380sm noch vor uns, hoffen wir, dass das Material weiterhin so gut hält und wir mit den guten Winden im Laufe des Montag im Hellen in der Karibik ankommen. Sollte sich unsere Fahrt über die nächsten zwei Tage verlangsamen, so müssten wir weitere Fahrt bewusst rausnehmen. Von einem Ankommen während Nacht hat man uns abgeraten, daran wollen wir uns mal halten.

Die Natureindrücke werden intensiver je weiter wir nach Westen segeln. Während uns die ersten Tage immer eine dicke Wolkendecke begleitet hat, so können wir uns nun über stets wechselnde Bedingungen freuen. Freier Himmel wie heute, wechselt sich mit gelegentlichen Regenschauern und damit beeindruckenden Regenbogen ab. Die Spektralfarben sind so intensiv, wie wir sie nie zuvor erlebt haben. Komplette 180 Grad umfassende Doppelregenbogen ragen sich wie Tore vor uns auf. Wunderschön, so kann man auch den Squalls, zumindest am Tage etwas schönes abgewinnen.

Der gestrige Fischfang war wieder mal ein so prägendes Erlebnis, so dass wir auch dies kurz teilen wollen. Als gebürtigem Städter liegt mir das Fischen nicht wirklich im Blut, daher bin ich auch sehr froh, dass Lasse nach Herberts Anweisungen, die über die letzten 4000sm kontinuierlich verfeinert wurden, sich zu einem echten Hunter entwickelt hat. Neben dem korrekten Bestücken der Route – Knoten, Leinenvorlängen, Art und Ausbringung des Köders – ist sicherlich die gute Vorbereitung, die Entschlossenheit und der unerbittliche Einsatz im entscheidenden Moment besonders zu erwähnen. Doch Fischen ist an Bord der ANNE eine Gemeinschaftstat, an der sich alle beteiligen. Ist die Angel erst mal ausgeworfen, verfällt der Hunter in eine oberflächlich betrachtete Starre.

Dies kann einfaches Dösen, Lego Spielen, Geschichten Lesen oder alles zusammen sein. Ertönt dann jedoch das so prägende Ratschen der auslaufenden Leine – so weiß jeder an Bord der ANNE – Ausnahmezustand, Defcon red – jeder auf seinen Platz. Der Hunter schnappt sich binnen Bruchteilen einer Sekunde die Pickleine und Schwimmweste, erklimmt am Heck die Cockpitbank und schätzt sogleich am Zug der Leine das wahrscheinliche Gewicht des Fanges. Begleitet wird diese Tat durch den lauten Ausruf „Fisch, Fisch“, als wenn nicht längst jeder auf der ANNE wüsste, was die Stunde geschlagen hat. Nachdem klar ist, dass es sich nicht um einen falschen Alarm handelt – entweder Seegras oder nur ein seichtes Anbeißen am Köder – läuft die x-fach erprobte und optimierte Bordroutine ab. Einige Minuten wird der Fisch geschleppt, hierbei wird vom Hunter stets die Leine auf Spannung gehalten und mit Zwischenlauten wie „ui, ui, ui das is aber ein Dicker“ oder „das ist ne Golddorade“ jedem klar gemacht, dass wirklich der Ernstfall eingetreten ist und jeder seinen Mann/Frau stehen muss. Während der Skipper in Badehose die Badeplattform betritt, elegant aus den Knien jedwelche anrauschende Welle abfedert, rennt Neele unter Deck und holt eine Schüssel, Nette die Kamera und Torge die Kampfesutensilien: Messer, Handschuhe und Alkohol in Flaschen. Letzteres wird nicht dem Skipper verabreicht, sondern dem Fisch, sobald er seine Kiemen über dem Deck präsentiert. Vorab werden dem Skipper linksseitig ein Kevlarhandschuh, rechtsseits ein ordinärer Gartenhandschuh gekonnt wie im OP von den Assistensärzten Neele und Torge übergestreift. Dann, der Fisch ist nur noch wenige Meter vom Heck der ANNE entfernt, greift der Skipper beherzt in die letzten Meter der Leine, holt den Fisch eigenhändig und ohne Furcht auf die ANNE. Ein fester Griff am Schlawittchen hält die, zugegeben unterlegene Dorade, fest am Bootsrumpf.

Der Alkohol und das Messer professionell gereicht von Torge, stellen final jegliche Gegenwehr des Fisches ab. Butüberströmt aber glücklich, hält der Skipper den Fang hoch in die Luft, ohrenbetäubendes Geschrei der Crew schließt diesen Fang ab und sichert für die nächsten zwei Tage die warme Mahlzeit ;-). (Bitte nicht alles so ernst nehmen, es geht wirklich ganz schnell und bislang hat sich keiner der Fische bei uns beschwert, außerdem fangen wir nur so viel, was wir auch essen können und angeln nur dann, wenn selbiges sichergestellt ist).

Was ist sonst noch passiert:

– Tatjana, alles Liebe von uns zur Geburt von Paul Richard! Wir wünschen Euch viele schöne und innige gemeinsame erste Stunden zusammen. Genießt die Zeit!

– Peter aus Burgrieden, die zweite Dose Lyoner wurde geöffnet und bringt uns ein bisschen Heimat hier auf den großen Ozean, wunderbar, auch die Kinder lieben sie.

– sonst nix, aber das reicht ja auch ;-))