Archiv für den Tag: 4. Oktober 2014

Porto Santo – eine ganz normale Überfahrt

Beschreibe doch mal was sich eigentlich gar nicht beschreiben lässt. Die Wettervorhersage stimmte für die nächsten 5 Tage, moderater Wind vornehmlich aus nordöstlicher Richtung und in Stärken maximal mit Böen von 5-6 Windstärken. Also schönstes Segeln auf einem herrlichem Raumschotskurs (Wind kommt von hinten und reduziert damit durch den eigenen Fahrtwind den wahren Wind an Bord).
Wie „immer“ vor längeren Strecken haben wir unsere ANNE sturmfest vorbereitet indem vorsorglich jegliche mögliche herumfliege Gegenstände (Bücher, Schuhe, iPads, Lebensmittel, Töpfe, Stifte, Fernglas, etc.) bereits vorher weggeräumt wurden. Essen für die erwarteten vier Tage wird vorgekocht oder in einem schnell zugänglichen Fach verstaut und das Hauptschlafgemach mittschiffs – der Salontisch- versenkt, so dass eine große Liegefläche entsteht. Die Vorräte an Diesel und Wasser werden ebenfalls aufgefüllt, so dass wir um 10 Uhr am Montag startklar sind. Auch ein kleines Malheur – Skipper springt von Bord zum Tanken und macht sich dabei auf allen Vieren lang- und die sich daran anschließende Rippenprellung können uns nicht stoppen, wir haben es uns nicht anders verdient.
Zusammen mit unseren Wegbegleitern Mandy und Franco von der Froesie machen wir uns auf den langen Trip gen Südwesten auf. Die ersten Stunden fliegen dahin, nach nur 30 Minuten können wir den Motor ausschalten und werden auf diesen bis Porto Santo bis auf eine kurze Zwischenepisode auch verzichten können. Während der ersten 30h fahren wir unter Vollzeug (Gross- und Vorsegel) den Tag und die Nacht durch. Mt einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von über 6 Knoten rennt unsere ANNE und wir legen in den ersten 24h knapp 150sm zurück und fliegen als vollbepacktes Cruising Schiff nur so vor uns hin. ANNE wir lieben dich, du bist so ein tolles Segelschiff!
Segeln kann so schön sein, jedoch müssen die Seebeine in den ersten Stunden auch erst wieder wachsen. Das Wohlbefinden stellt sich bei allen recht schnell ein, sicherlich auch zum Teil der unterstützenden „Drogen“ die wir uns nun dosiert verabreichen. Die Stunden sind von entspannter Ruhe geprägt, die Kinder lauschen aufmerksamen ihren Hörbüchern oder bekommen den ein oder anderen live Vortrage. Nette und ich halten regelmäßig Ausschau, was jedoch nach ein paar Stunden aufgrund des mangelnden Schiffsverkehrs langweilig wird. Gefüllte 10 Schiffe werden wir auf der gesamten Passage nur zu Gesicht bekommen, weniger als Delfine ;-).
Nachdem wir am zweiten Tag am Dienstag unser erstes Manöver (Halse) fahren, um wieder etwas mehr Kurs auf Porto Santo nehmen zu können (kurzer Exkurs: Wir haben anfänglich einen leichten raumen Windkurs gewählt, um das unangenehme Schlagen der Fock zu vermeiden, sind von diesem Kurs jedoch Mitte des Dienstages abgewichen und haben stattdessen nur noch das Großsegel gesetzt was oh Wunder, kein Schlagen des Vorsegels zur Folge hat und sich als hervorragend herausstellt!). Nach wenigen Stunden stellen wir überrascht fest, dass unserer Begleitschiff Froesie wieder zu uns aufgeschlossen ist. Franco hatte den direkten Kurs auf Porto Santo angelegt und bereits wenige Stunden nach dem Start auf das Großsegel allein gesetzt, was sich von der seemännischen Seite betrachtet als die bessere Wahl herausstellt. Von einer andern wahrscheinlich auch ;-).
Der Moment an dem wir die Froesie auf dem AIS (Automatisches Identifikations System) identifizieren löst echte Begeisterungsstürme bei der ANNE Crew aus. Nicht nur, dass uns die beiden seit Figueiro da Foz ans Herz gewachsen sind, vielmehr ist es die erste echte Abwechslung im Bordalltag. Bis dato durften wir weder Fischfang noch Walsichtungen erleben.

Doch wenige Stunden nach in Sicht kommen der Froesie, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, überschlagen sich die Ereignisse. Zunächst werden wir durch den Verlust einer wichtigen Sicherungsschraube an unserer Windsteueranlage wachgeküsst und legen im Anschluss eine Patenthalse erster Klasse hin. Zum Glück haben wir den Großbaum mittels eines Bullenstanders gesichert, so dass uns die Anlage „nur“ backstehend in die vorbeirauschenden Wellen drückt. Ein Negativbeispiel der schlechten Erinnerungen bei 5-6 Bfd in zweieinhalb Meter kurzer Atlantik Welle durchgeschüttelt zu werden und sich aus dieser recht stabilen Position nur mittels Lösen des Bullenstanders und gezielten Abfallens wieder befreien zu können. Auch hier müssen wir uns eingestehen, dass eine gezieltere Wartung (wir haben das Problem hier in Porto Santo mittels einer selbstsichernden Mutter die sich verabschiedet hatte binnen 5 Minuten gelöst) der Anlage von uns nach nunmehr 2000sm, uns hiervor verschont hätte. Man lernt nie aus, ein Schiff ist ein komplexes Gebilde… . Fortan steuert uns unser elektrischer Pilot zwar akustisch nicht unauffällig aber jedenfalls schnurgerade auf unser Ziel zu.
Kurz vor Einbruch der zweiten Nacht, der Wind hat zwischenzeitlich auf 20 bis 25Kn zugelegt, die Welle ist von einem auf konstant zwei bis drei Meter angestiegen, erreich uns ein Funkspruch der Freesie „hier ist was nicht gut“. Schnell stellt sich heraus, dass der elektronische Autopilot versagt hat und während eines versuchten Großsegelbergemanövers auch die Großschot (Leine, die das Segeln einstellt und ohne die das gleiche unkontrolliert im Wind schlägt, was bei einem Segelgewicht von ca. 30-40kg unschön ist) ausgerauscht ist. Mit allen Kräften kann die Crew der Froesie das Großsegel bergen muss jedoch feststellen, dass das Ausfallen des Autopiloten die Rudereigenschaften stark eingeschränkt hat. In wenigen Funksprüchen untereinander wird die Situation analysiert, diskutiert und nach Lösungen gesucht. Auch das Abbergen und Aufgabe des Schiffes wird kurzweilig in Betracht gezogen. Franco entscheidet sich die Nacht ohne Segel vor dem Wind unter Motor abzulaufen und die Steuereinheit bei Tagesanbruch näher zu untersuchen. Aus Verbundenheit und Seemännischer Pflicht ist für uns klar, dass wir uns stand-by halten und der Froesie zumindest seelischen Beistand geben und Funk- und Sichtkontakt halten.
Mit einer ebenfalls auf nahezu null reduzierten Segelfläche bleiben wir die ganze Nacht in der Nähe der Froesie und erkundigen uns immer wieder um deren Zustand und Wohlergehen. Franco und Mandy meistern die Nacht bravurös und kämpfen sich bis zum Tagesanbruch durch. Für die nicht segelnden Leser zur Erklärung: Ein Schiff konzentriert von Hand auf Kurs zu halten macht auf einem Nachmittagstörn am Wochenende oder mit einer großen Crew Spaß. Wenn man jedoch mehr als einen Tag mit einer kleinen Crew fährt, geht eigentlich niemand mehr gerne ans Ruder. Viel zu anstrengend ist das Kurshalten auf Dauer, ferner gibt es natürliche Bedürfnisse wie essen, trinken, schlafen die ihre Pausen einfordern. Bei Tagesanbruch gibt Franco dann Entwarnung. Auf Rat seiner Angetrauten, ist er in die Backskiste gekrabbelt, um den Autopiloten näher unter die Lupe zu nehmen (Jeder der schon mal auf einem schaukelnden Schiff auch nur eine kühle Cola aus dem Kühlschrank von unterster Stelle geholt hat, weiss wovon ich schreibe, eine beachtenswerte Leistung). Und siehe da, die interne Sicherung des Autopiloten ist Schuld und das Problem kann durch den Austausch dergleichen vollständig behoben werden.

Wir sind sehr erleichtert, zum einen weil wir uns für die beiden natürlich riesig freuen, dass die verbleibende 200sm nun doch sicher zurückgelegt werden können. Zum anderen, weil uns die eigene Nacht und die sich darum drehenden Gedanken auch massiv beschäftigt haben. Ein Schiff bei 2-3 Meter Welle ans Schleppseil zu nehmen oder gar zwei Personen abzubergen ist nichts was wir uns vorstellen oder gar wünschen. Ferner hatte auch uns der zunehmende stärkere Seegang ein paar Kostproben präsentiert die auf unsere Stimmung schlug. Völlig überraschend steigt um 21 Uhr eine achterliche Welle ins Cockpit ein. Hunderte Wellen vor- und nachher verursachten nicht den geringsten Spritzer im Cockpit. Diese jedoch schaffte es alle -zu diesem Zeitpunkt waren es drei sich im Cockpit befindliche Personen teilweise schlafend- zu erreichen und zu „betröpfeln“. Als dann noch Stunden später eine harte steile Welle Nette um ein Uhr früh von der einen Seite des Cockpits auf die andere Seite aufschlagen lässt, ist unser immer währender Respekt vor den Naturgewalten aufs neue kalibriert.

Mittwoch, ein neuer Morgen, ein neuer Tag. Die Vorkommnisse der vergangen Nacht sind nicht vergessen oder verdrängt, vielmehr sind sie verarbeitet. Wir sind mit uns und der See im Reinen. Die positiven Meldungen der Froesie stimmen uns alle positiv, beide Schiffe können nun wieder auf Vollgasbesegelung gehen und die verbleibenden 180sm sind willkommen. Da bislang noch keine weiteren Tiersichtungen ausgemacht waren, sind wir umso erfreuter an Deck der ANNE zwei ca. 10cm lange Octopus sowie einen ca. 15cm fliegenden Fisch zu entdecken.

In anderen Erfahrungsberichten haben wir häufig gelesen, dass sich der Körper ab dem dritten Tag auf die See eingestellt hat und die Fahrt angenehmer wird. Auch so bei uns. Trotz der gleichen Wellenhöhe (2-3m) und des uneingeschränkt von achtern mit 20-25kn blasenden Windes, wird die Fahrt nun sehr angenehm wahrgenommen. Die Bewegungen unter und an Deck werden flüssiger, die Routine hält Einzug. Lesen mit den Kindern, arbeiten am Computer ist möglich und wird nicht als ungeliebte Tätigkeit angesehen. Auch das Fischen ist zurückgekehrt. Während keiner sich zu Beginn der Reise vorstellen wollte, wie ein Fisch bei voller Rauschefahrt ausgenommen, filetiert, gekocht und gegessen wird, so sind diese Dinge seit dem dritten Tage möglich.

Leider jedoch ist unser Fangglück jedoch diesmal nicht so ausgeprägt. Trotz mehrerer schöner Bisse, schafften wir es nicht die Beute an Bord zu bringen. Eine herbe Lehrstunden für den ersten Oberfischfangmeister an Bord der ANNE. Zum Glück sah es an Bord der Froesie besser aus. Eine herrliche ca. 60cm lange Goldmakrele wurde erfolgreich an Bord gehieft und gemeinsam am Tag nach der Ankunft verspeist. Das feste dem Thunfisch von der Konsistenz her ähnliche, von der Farbe jedoch eher dem Seelachs ähnliche Fleisch vermochte es sogar unsere kulinarisch höchstanspruchsvollen Kinder zu entzücken. Dem Oberfischfangmeister wurde für die nächste Etappe bereits eine Großbestellung eingereicht.

Ende gut alles gut! Die Überfahrt war rundum trotz oder weil die Hürden genommen wurden, großmeisterlich. Das Ankommen in Porto Santo, als Teil der Fahrtenseglergemeinde aus aller Herrenländer (u.a. USA, England, Litauen, Schweden, Belgien, Frankreich, Australien), hinterlässt ein gutes stolzes Gefühl. Wir treffen so viele Yachten wieder, die den gleichen Weg haben und mit denen wir teilweise schon das Cockpit bei einem Glas Wein geteilt haben.  Yes we can do, wir sind hier in Mitten des Atlantiks angekommen und dies macht Lust und Mut auf mehr… .