Archiv für den Tag: 28. Juli 2014

Kurz vor La Coruna

Seit zwei Stunden, also um 00:00 Uhr habe ich die Wache angetreten. Nette hat sich in den Salon zurückgezogen, dort wo sonst unser Essentisch ist. Wir haben diesen vor Antritt der Biskaya Passage versenkt, da einerseits unter Deck nicht während der Fahrt gegessen wird, andererseits weil dies die ruhigste Stelle im Schiff bei Seegang ist. Torge hatte sich mit mir um 20:00 Uhr dorthin zum Schlafengehen bereits verabschiedet. Seit drei Tagen und Nächten sind wir nun unterwegs und haben unseren Rhythmus gefunden. Nette übernimmt immer die Wache bis 00:00 Uhr, ich folge dann bis meist 6 Uhr, um dann erneut von Nette abgewechselt zu werden. Mindestens eines der Kinder gesellt sich jede Nacht dazu, sie schlafen im Cockpit, angegurtet und weich auf einer Decke gebettet. Neele spricht immer ganz stolz, dass sie Nachtwache macht, auch wenn „Wache“ nicht überinterpretiert werden sollte, da sie von der Nacht bis auf eine paar „wache“ Momente wenig mitbekommt, sondern ruhig und entspannt schläft. Dennoch ist es ein gutes und schönes Gefühl einen Wachkameraden zu haben.

Gestern Nacht war so ein toller Moment. Vertieft in eine Kindle Buch genoss ich die Stunde, als plötzlich ein Ausspruch von Lasse mich aufblicken lies: „Boah, das ist ja Wahnsinn!“. Gemeint war der tolle Sternenhimmel, den wir vorher so nie aufgrund der Bewölkung gesehen haben. Unzählige Sterne, eine klar ausgeprägte Milchstraße und jede Menge Sternenbilder waren eine Kinovorstellung erster Güte. Gesichert durch Lifebelts, ein Gurt mit drei Karabinern der auf der einen Seite in die Schwimmweste, auf der anderen Seite am Schiffskörper befestigt wird, gibt Halt und Sicherheit in der Nacht.

Eine gute halbe Stunde saßen wir so da bis sich auch Neele dazugesellte und ihrem großen Bruder lauschte, was er so alles über den klaren Himmel zu berichten hatte.

Eine sehr schöne Erfahrung, zu dritt in den Sternenhimmel zu schauen, auf einem kleinen Boot schaukelnd von Land mitdestens 200km weit entfernt und weit und breit kein Licht bzw. anderes Schiff zu sehen. Die Kinder empfinden diesen Zustand als sehr angenehm, haben bislang noch nie Furcht gezeigt. Statt dessen nehmen sie ihr Schicksal hin und genießen inzwischen die Zeit mit ihren Eltern. War zu Beginn aufgrund des engen Ralley Zeitplanes sehr wohl ein gewisser „Stressfaktor“ mit an Bord, so ist dieser nun von uns gewichen. Die sonnige Überfahrt der Biskaya hat der Zeit eine andere Bedeutung gegeben. Welcher Tag ist heute, wann sind wir losgefahren, wann werden wir ankommen. Dauert es noch 10 Stunden oder können es auch noch 15 werden. Wäre das ein oder das andere besser? Diese Fragen stellt sich schöner Weise zurzeit gar nicht. (30min Break –Akku war leer). Wir treiben einfach mit dem Wellenschlag und freuen uns der Dinge die noch vor uns liegen.

Das Meer hat sich merklich beruhigt. Hatten wir zu Beginn noch keinen Wind bei der Überfahrt, so hat er sich während der letzten 20h auf schöne 12-15kn hochgeschaukelt. Dies ist der Windbereich bis 4 Windstärken, der am schönsten zum Segeln ist. Die Wellenhöhe hält sich mit maximal 2m in Grenzen und der Speed ist so, dass man das Gefühl hat Strecke zu machen. Die Nacht ist heute wieder so klar wie gestern, viele Sternenbilder sind zu sehen, sofern unser Bimini (Sonnenschutz) die Sicht nicht versperrt. Bis auf eine paar wenige Fischer, die sich vor der spanischen Küste tummeln, ist der Schiffsverkehr fast nicht existent. Auf der ganzen Überfahrt haben wir keine 10 Schiffe gesehen. Kein Vergleich zur vielbefahrenen Elb-, Weser- und Themsemüdung, die wir in den letzten Wochen passiert haben. Dennoch heißt es wachsam sein und den Rundumblick alle 10min nicht vernachlässigen. Zum Glück haben viele Schiffe die unseren Weg kreuzen ein AIS installiert, so dass rechtzeitig ein Warnton über die Nähe eines Schiffes informiert, welches auf Kollisionskurs sein kann. Eine Technik, die ich nicht missen möchte, nicht weil sie alleine für sich steht und maximale Sicherheit verspricht, nein diese gibt es so nicht. Nicht im Straßenverkehr und nicht im Schiffsverkehr. Dennoch ist es prima, eine weitere Informationsquelle an Board zu haben und die relevanten Informationen wie Geschwindigkeit oder auch nähester Annäherungspunkt und Zeitpunkt zu kennen.

Noch weitere 50sm und dann haben wir es geschafft. Über 350sm haben wir dann non-Stop zurückgelegt. Was früher nach einer stolzen Segelwoche auf der Logge stand, haben wir in knappen 3 Tagen abgerissen. Kein Weltrekord, aber doch so etwas was niedergeschrieben gehört und an das wir uns sicherlich noch in ein paar Jahren gern und gut erinnern werden und wollen.

9:00 Uhr. Wir sind kurz vor Ziel. Ein Empfangskommando von ca. 10 Delfinen schwimmt auf unser Schiff zu und spielt mit unser Bugwelle. Weiter ein bis zwei Dutzend kommen dazu und umkreisen das Schiff von allen Seiten, was für ein erhabenes Gefühl diese Meeressäuger so dicht neben der ANNE zu sehen. Immer wieder hört man wie sie ihre Quicklaute von sich geben und sichtlich Spaß haben. Nach ca. 15min verabschiedet sich der letzte der Gruppe und lässt uns Zeit das Frühstück vorzubereiten. Nette und ich haben zur Feier des Tages frische Sachen angezogen, die Kinder laufen nunmehr seit drei Tagen in ihrer Einheitskleidung „Schlafanzug“ herum. Wie gut, dass La Curuna eine moderne Marina ist, die über Dampfstrahler und auch Duschen verfügt!

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